27 Tugend

Art-Nr.: 027

Beschreibung:

27 - Über die heidnischen Tugenden

 
Heft 27, 1/2010, 8. Jahrgang
 
Thorsten Hendrich, 52 Seiten. Themen Heft.
 
Inhalt:
 
  • Hendrich, Thorsten: Über die heidnischen Tugenden
  • Oertel, Kurt: Der vorwitzige Gastgeber - eine Thorsgeschichte
 
Liebe Leser der Herdfeuer,
mit dieser Ausgabe haltet ihr das erste Themenheft unserer Zeitschrift in diesem Jahr in Euren Händen. Im Gegensatz zu den bisherigen Themenheften liegt der Schwerpunkt diesmal nicht bei einer Gottheit oder Wesenheit der heidnisch-germanischen Mythologie, sondern bei einem zunächst eher abstrakt wirkenden Konzept, dem der Tugenden.
Tatsächlich aber sind Tugenden ein alltägliches Phänomen. Tugendhaftes Handeln ist ein zentrales Thema – nicht nur aber auch – für Asatru Anhänger, schließlich sind die Neun Edlen Tugenden ein häufig genannter und daher scheinbar zwingend notwendiger Bestandteil des heidnischen Lebens. Was aber sind eigentlich diese Tugenden genau? Wann und wie wendet man sie an? Kann man sie erlernen oder sind sie uns in die Wiege gelegt? Warum sollte denn überhaupt tugendhaft gehandelt werden? Zu diesen Fragen gibt Hendrich erste Antworten.
Eine Begrifflichkeit von Tugend ist – in heidnischen Kreisen – bisher nur im persönlichen Diskurs und vielleicht in der ein oder anderen Gruppe zum Thema geworden. Daher ist der allgemeine Begriff von Tugend, das legt Hendrich schnell und pointiert dar, auch häufig viel zu schwammig und ungenau. In Anbetracht der Gewichtung, welche man den Tugenden im Asatru einräumt, besteht hier somit ein großes Ungleichgewicht zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Zentrales Anliegen Hendrichs ist es, den bisherigen Tugendkanon der Neun Edlen Tugenden kritisch zu hinterfragen und die einzelnen Tugenden in ihrer Begrifflichkeit zu untersuchen. Er kommt dabei zu dem (eigentlich nicht sehr überraschenden) Ergebnis, dass nicht nur die Herkunft dieses Tugendkanons überaus unklar ist, sondern auch ihre Bedeutung und Interpretation teilweise stark divergieren. Aus diesem Grund stellt er einen neu überarbeiteten heidnischen Tugendkanon vor, der nach seiner Auffassung den Ansprüchen eines modern gelebten Asatru genüge tut.
Warum aber benötigt man eine generelle Definition von Tugend, warum sogar ein neuer Tugendkanon? Ist nicht eine solche Festlegung zugleich auch eine Dogmatisierung, die der Individualität des gelebten Asatru zuwiderläuft?
Zentrale Aufgabe des Eldaring e.V. ist die Förderung der Akzeptanz von Asatru in der Gesellschaft. Hierbei müssen wir uns nicht nur gegen den Missbrauch unserer Symbole und der Mythologie durch politisch extreme Gruppierungen, esoterische Einflüssen und sonstige widrige Phänomene wehren, sondern wir versuchen auch, die festen Denkmuster innerhalb unserer Gesellschaft zu unseren Gunsten zu öffnen. Diese erkennt häufig nur monotheistisch geprägte religiöse Lebensweisen an, nicht aber unsere heidnisch-polytheistische. Dies geschieht nicht aus einer generell abwehrenden Haltung heraus, sondern eher aus allgemeiner Unwissenheit. Hier aber stoßen wir auf einen bisher kaum beachtete Schwierigkeit. Denn auf die berechtigterweise von außen zu stellende Frage, was denn die Glaubensinhalte von Asatru nun eigentlich sind, gibt es außer Schlagworten wie ’nordische Mythologie’, ’Glaube unserer Vorfahren neu gelebt’ und ’germanische Götter’ keine einheitliche Antwort. Hinterfragt man diese Allgemeinplätze, gehen die Meinungen teilweise weit auseinander. Jeder hat zwar eine Ahnung, ein Gefühl für ,das Richtige’ und mancher hat sicher auch bezüglich einzelner Sachverhalte einen gut durchdachten Standpunkt, aber einen wirklichen Asatru-internen Diskurs über wichtige Eckpunkte der eigenen Glaubensinhalte gibt es allenfalls in ganz bescheidenen Ansätzen, wenn überhaupt.
So akzeptiert zwar jeder die Tugendhaftigkeit als einen wichtigen Bestandteil von Asatru – was genau diese Tugendhaftigkeit nun aber ist, und welche Tugenden hier und heute sinnvoll sind, wird kaum diskutiert. Fragt man gar nach einer Ethik im Asatru, so stößt man unter Umständen sogar auf Unwillen und Widerstand, denn solche „Dogmen“ seien nicht notwendig, und liefen dem heidnischen Pragmatismus einer „Erfahrugsreligion“ zuwider. Aber das Aufstellen von festen Glaubenssystemen kann und soll auch nicht das Ziel dieser Überlegungen sein. Zum einen ist der Individualismus innerhalb der Asatru Szene glücklicherweise viel zu ausgeprägt, um jeden Versuch in diese Richtung im Keim zu ersticken. Zum anderen muss eine Religion sich auch immer den Umständen der Zeit anpassen, um lebendig bleiben zu können. Eine Kanonisierung aller Anhänger liefe diesem Ziel aber entgegen.
Was aber bedeutet Erfahrung im religiösen Leben? Erfahrung kann durch passives Stillhalten und Ertragen gebildet werden, bedeutungsvoller aber ist die selbst-gemachte Erfahrung – gemacht durch unser aktives Eingreifen, Handeln und Tun. Asatru lebt vom Mitmachen und Sich-Einbringen. Dieses aktive Handeln bezieht sich aber nicht allein auf das Ritual und das alltägliche Leben, sondern auch auf die Diskussion, auf das Über- und Neudenken der Glaubensinhalte, die unserem Handeln letztlich zugrunde liegen. Ein zentraler Punkt des aktiven Er-Lebens – hier speziell in Bezug auf Religion aber im weiteren Sinne natürlich nicht nur dieser – betrifft das Infragestellen der eigenen Motivationen und Handlungsgrundlagen.
 
Vor dem Hintergrund dieser Überlegung wird aber die Notwendigkeit eines Diskurses innerhalb der Asatru Gemeinschaft betreffend solche Themen wie Ethik, Moral, Tugend usw. offensichtlich. Nicht um allgemeingültige Glaubensvorstellungen zu schaffen, sondern um der Diskussion selbst willen. Durch einen solchen Diskurs schaffen wir nämlich in unserer Gemeinschaft eine gemeinsame Verständnisgrundlage und die Etablierung einheitlicher Begrifflichkeiten. Diese führen dann auch zur Bildung einer eigenen, nicht allein auf Gefühl beruhenden, sondern sicher durchdachten Meinung. Damit kann dann jeder einzelne den gemeinsamen Glauben nach außen – also in der Gesellschaft – repräsentieren und auch die eigene Meinung zu diesem geltend machen.
Und genau das ist auch die Intention Hendrichs zum Thema Tugend: Erstens eine ausführliche Herleitung und Definition von Tugend als gemeinsame Grundlage. Zweitens eine zeitgemäße Aufstellung eines gut durchdachten und begründeten heidnischen Tugendkanons, um so eine Diskussion zu den bisher zwar allgemein akzeptierten, aber teils bedeutungsleeren, teils missverstandenen Neun Edlen Tugenden anzustoßen. Schließlich legt er auch dar, wie und warum tugendhaftes Handeln zu Ehre und Heil des Einzelnen und der Gemeinschaft führen.
Um das recht schwierige Thema etwas aufzulockern, haben wir zwischen die einzelnen Kapitel verschiedene Texte eingeschoben. Zum einen stellen wir Euch die ebenfalls von Thorsten Hendrich stammende kurze Erzählung Was ist die Ehre? vor, welche die Tugenden und die mit ihnen eng verbundene Ehre in prosaischer Form näher bringt. Weiterhin eine philosophische Kurzgeschichte Schillers über das Verhältnis von Tugend, Liebe, Freundschaft. Daneben runden Goethes bekanntes Gedicht Das Göttliche und das etwas unbekanntere von Gottfried Konrad Pfeffel Der freie Mann das Heft auch lyrisch ab. Und nun wünschen wir Euch ein nach-denkliches Lesevergnügen.
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