Die Seherin Thorbjörn

Alex Jahnke 2004

Trotz der Furcht und des Abscheus, die sie vielen einflößten, wurden Seher und Seherinnen in Notzeiten häufig zu Rate gezogen: von ihnen erwartete man Auskunft über die Dauer von Hungersnot und Krankheit, zuweilen auch Anordnungen und Hilfe zur Beseitigung dieser Übel.

Der Auftritt einer solchen Seherin wird in der Saga von Erik dem Roten ausführlich beschrieben. In Grönland herrschte zu Anfang des elften Jahrhunderts eine große Hungersnot. Der reichste Bauer, Thorkel, beschloß, die Wölwa Thor-björg zu Rate zu ziehen. "Sie war gekleidet in einen blauen Mantel, und dieser war bis zum Saum mit kostbaren Steinen besetzt. Um den Hals trug sie Glasperlen, auf dem Kopf eine Mütze aus schwarzem Lammfell, die innen mit weißem Katzenfell ausgefüttert war. In der Hand hielt sie einen messingbeschlagenen Stab, der oben einen Knopf hatte; auf dem Knopf saß ein Stein. Um die Taille trug sie einen Gürtel mit Zunderbüchse; am Gürtel hing ein Lederbeutel, in dem sie die Zaubermittel aufbewahrte, die sie zu ihrer Wahrsagerei benötigte. An den Füßen trug sie haarige Schuhe aus Kalbsfell mit langen Riemen, die am Ende große Zinnknöpfe hatten. An den Händen trug sie Handschuhe aus Katzenfell, die innen weiß und haarig waren." Sie bekam zu essen von den Herzen aller Tiere, die da waren; beim Essen benutzte sie einen Messinglöffel und ein Messer, von dem die Spitze abgebrochen war. Am nächsten Tag ließ sie Frauen suchen, die das Zauberlied kannten, mittels dessen sie ihre Wahrsagerei treiben konnte. Dieses Lied hieß varðlokkur (wörtlich: Schutzlockung, ein Lied, um Geister heraufzubeschwören).

Nur eine einzige junge Frau kannte dieses Lied; sie hatte es von ihrer Pflegemutter auf Island gelernt. Da sie Christin war, weigerte sie sich zunächst, an der Wahrsagerei teilzunehmen; Thorkel aber wußte sie dennoch zu überreden. Die Frauen bildeten nun einen Kreis um die Bühne auf dem die Wölwa saß. Die junge Frau sang das Zauberlied sehr gut, und nach der Seánce (so würden wir eine solche Versammlung nennen) dankte die Wölwa ihr und sagte, es seien viele Geister gekommen, und diese hätten großen Gefallen gefunden an dem Lied, da es so gut gesungen worden sei. "Auch Geister, die sich früher von mir abgekehrt hatten und mir nicht mehr gehorchen wollten. Und mir sind jetzt viele Dinge klar, die mir und vielen anderen zuvor verborgen waren." Sie prophezeite dann das Ende der Hungersnot auf den kommenden Frühling und weissagte ferner, die junge Frau, die für sie gesungen hatte, werde auf Island die Stammutter eines angesehenen Geschlechtes werden. Sie beantwortete auch alle Fragen, welche die Leute ihr stellten; fast alles, was sie vorhersagte, traf ein.

Diese Erzählung ist deshalb besonders wertvoll, weil sie uns einen Begriff von der Technik gibt, welche die Wölwa anwandte. Das Zauberlied hatte zum Zweck, sie in eine Art Trance zu bringen. In diesem Zustand fühlte sie sich in die Welt der Geister versetzt oder sah, wie die Geister zu ihr kamen. 0din selber hatte sich mit einer solchen Form der Zauberei befaßt:

"Wollte Odin seine Gestalt wechseln, dann lag sein Körper wie schlafend oder tot da, er selbst aber war ein Vogel oder ein wildes Tier, ein Fisch oder eine Schlange. Er konnte in einem Augenblick in ferne Länder fahren in seinen oder anderer Angelegenheiten" (Snorri). Von einigen Menschen betrieben, wurde tatsächlich berichtet, sie könnten sich in Tiere verwandeln. "Odin war in einer Kunst erfahren, die die größte Macht verlieh - man nennt sie Zauberkunst (seidhr) - und übte diese selbst aus. Sie befähigte ihn, das Schicksal der Menschen und noch nicht eingetretene Ereignisse vorauszusagen, ja auch den Menschen Tod, Unheil oder Krankheit zu bescheren. Endlich vermochte er durch sie jemand seinen Verstand und seine Kraft zu nehmen und diese einem an-dern zu verleihen. Aber ", fährt Snorri fort , "mit derart geübter Zauberei ist soviel Ärgernis verbunden, daß die Männer sich schämten, sie zu treiben. So lehrte man diese Kunst den Tempelpriesterinnen." Aus Snorris letzter Bemerkung könnte man wohl schließen, daß diese Zauberei mit irgendeiner Form von sexuellen Taten (?!) verknüpft war; deshalb war es denn auch für einen Mann besonders entehrend, der Zauberei bezichtigt zu werden. In ihrer Wortwahl machen unsere Quellen keinen scharfen Unterschied zwischen der Magie, bei der es einem um Kenntnis (gewöhnlich der Zukunft) zu tun war, und jener, mit der der Mensch einen gewissen Zweck Vorteil für sich und seine Freunde, Schaden für seine Feinde, zu erreichen hoffte.

Die oben beschriebene magische Technik erinnert jedenfalls stark an die der Schamanen, obwohl ein Spezialist wie Eliade die germanische Seid nicht als Schamanismus im eigentlichen Sinn des Wortes betrachten möchte. Es fragt sich auch, ob sie wohl bei allen Germanen bekannt gewesen und ob im Norden ihr Ursprung oder ihr Fortbestehen nicht wenigstens zum Teil der Nähe der Lappen zuzuschreiben sei. Die Lappen galten gerade dort für besonders zauberkundig im Altnordischen hatte das Wort finn (d.h. Same) sogar die Bedeutung "Zauberer" bekommen.

Ich möchte auch noch auf den Artikel "Seidhr und Völventum" von Kurt Oertel verweisen, der an (mir bis dato nicht bekannten) Quellen, nachweist das Seidh eben keine schamanistische Technik ist, sondern Magie im allgemeinen bedeutet.

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