Die Edda

Die wichtigste Quelle unserer Religion, von Kurt Oertel

Die Edda ist eine der wesentlichsten Quellen zur germanischen Religion überhaupt. Dieser Grundlagentext vermittelt das Wesentliche, was man über die Edda wissen sollte und geht auch auf die deutschen Übersetzungen ein.

Die ältere und die jüngere Edda

Unter dem Begriff Edda versteht man zwei grundsätzlich unterschiedliche Manuskripte des isländischen Mittelalters: Zum einen eine Sammlung von Liedern bzw. Gedichten, die man als ältere, poetische oder Lieder-Edda bezeichnet (in alten Büchern manchmal auch Sæmund-Edda genannt, weil man sie fälschlich dem Skalden Sæmundr zuschrieb). Zum anderen ein Lehrbuch der Dichtkunst von Snorri Sturluson, das u.a. eine Gesamtdarstellung der nordisch-heidnischen Götterlehre enthält, und das man als jüngere Edda, Snorri-Edda oder Prosa-Edda bezeichnet. Der Gesamtbegriff Edda umfasst beide genannten Schriften, die eine der wichtigsten Quellen der vorchristlichen Religion Nordeuropas darstellen.

Bedeutung des Wortes "Edda"

Zu Beginn der ältesten erhaltenen Abschrift von Snorris Werk (dem sogenannten Codex Upsaliensis) findet sich der Satz: Dieses Buch heißt Edda. Zusammengestellt hat es Snorri Sturluson. Nur an dieser einen Stelle ist uns das Wort als Titel überliefert. Ob der Titel bereits auf Snorri selbst zurückgeht, ist dabei genauso unklar, wie die Bedeutung des Wortes an sich. Für letztere gibt es drei Erklärungsmöglichkeiten: Erstens kann Edda "Urgroßmutter" bedeuten und hätte hier dann ungefähr den Sinn von "was die Urgroßmutter erzählte". Zweitens könnte es sich auf Oddi beziehen: Das war der Name des Hofes im Westen Islands, auf dem Snorri wirkte und lebte. Drittens kann es von dem Wort oðr (Dichtung) abgeleitet sein. Die letzte Möglichkeit ist dabei die plausibelste, denn sie wird durch spätere dichterische Fachausdrücke wie eddu list (Kunst der Edda) und eddu reglur (Regeln der Edda) gestützt. Dass der Begriff Edda dann auch auf die Sammlung der älteren Lieder-Edda angewandt wurde, ist eine recht willkürliche Praxis der Neuzeit, die kaum begründet oder gerechtfertigt ist. Diese Praxis hat sich aber nun einmal so eingebürgert.

Die Lieder-Edda

Die Lieder-Edda ist eine Sammlung einzelner Gedichte, deren jeweilige Verfasser uns nicht bekannt sind. Die Sammlung bzw. Teile davon sind uns in mehreren Abschriften überliefert. Die Sammlung ist in Götter- und Heldendichtung unterteilt. Für uns ist dabei vor allem die Götterdichtung von Bedeutung, denn sie enthält Sinnsprüche, Zauberformeln und Weisheitslehren und berichtet von den Taten der Götter, Riesen und anderer mythologischer Wesen, von Entstehung und Untergang der Welt.

Die maßgebliche Version der Lieder-Edda ist eine Handschrift, die als Codex Regius bezeichnet wird. Ein erster Besitzeintrag findet sich darin mit der Jahreszahl 1643 und dem Namen des dänischen Bischofs Brynjólfur Sveinsson. Davor ist über den Weg des Codex nichts sicheres bekannt. Sveinsson hat das Manuskript 1662 dem dänischen König Frederik III. übereignet, wodurch es seinen Weg in die Königliche Bibliothek (daher auch der Name des Codex als "Königliche Handschrift") zu Kopenhagen fand. 1971 wurde es unter großem Zeremoniell an den Staat Island zurückgegeben und wird heute im Isländischen Handschrifteninstitut zu Reykjavík aufbewahrt.

Niedergeschrieben wurde der Text um 1270 von einem einzigen Schreiber. Es muss dies allerdings die Abschrift eines älteren Textes sein, der wiederum das Ergebnis mannigfaltiger Sammelarbeit vieler gewesen sein muss und spätestens 1240 fertig vorlag. Die Lieder selbst aber sind wesentlich älter. Entstanden sind sie zwischen 900 und 1200, die späteren in Island, die früheren in Norwegen oder norwegischen Kolonien auf britischen Inseln, das jüngere Atlilied auf Grönland. Die einzelnen Verfasser sind unbekannt, was für Dichtungen des frühen Mittelalters nicht ungewöhnlich ist. Inhalt und Stoff der Lieder dürften in Einzelfällen aber noch älter sein und bis in die Völkerwanderungszeit zurückreichen, einige wenige Motive und Formulierungen möglicherweise noch viel weiter.

Der Codex Regius besteht aus 45 Pergamentblättern in 6 Lagen. Nach Blatt 32 fehlen leider 8 Blätter, die Teile des Sigurd-Stoffkreises enthalten haben müssen, doch bis auf diese große Lücke sind die erhaltenen Lieder weitgehend vollständig überliefert. Die Blätter sind 19 cm hoch und 13 cm breit. Der Codex ist also kaum größer als ein heutiges Taschenbuch. Der Beginn der Lieder ist durch Überschriften mit brauner Tinte sowie durch grüne oder rote Initialen gekennzeichnet. Gelegentlich finden sich bei Dialogliedern Abkürzungen am Rande. Unterhalb des Textes hat der Schreiber Blatt-, Blumen- und Strichornamente sowie einige Tierfiguren und Menschenköpfe angebracht. Der Text ist durchgehend geschrieben, d.h. Strophen und Verse sind äußerlich nicht voneinander abgesetzt.

Es gibt weitere Pergamenthandschriften, die ebenfalls einige Lieder des Codex Regius bewahrt haben, darüber hinaus. glücklicherweise auch zusätzliche Lieder, die nicht im Codex Regius enthalten sind (wie z.B. Rígsþula, Hyndlolióð und Baldrs draumar). Zudem gibt es einige Papierhandschriften aus dem 17. Jahrhundert, die aber kaum eigenen Zeugniswert besitzen, weil sie von den drei Pergamentcodices abhängig sind.

Viele mit der Lieder-Edda verbundene Fragen sind nach wie vor ungelöst. Wurden die Lieder gesungen, feierlich rezitiert oder normal gesprochen? Handelt es sich um konkrete Werke einzelner Dichter oder um anonyme Volksdichtung? Waren es vielleicht sogar regelrechte Volkslieder, die der Unterhaltung dienten, oder war ihr Vortrag im Gegenteil nur auf Kulthandlungen beschränkt? Einige der Lieder haben ausgesprochen humorvollen, teilweise fast schon spöttischen Charakter. Entstammen diese Lieder einer späteren christlichen Zeit, als man bereits meinte, sich über die alten Götter lustig machen zu können, oder war dieser humorvolle Zug auch schon Teil des alten Religionsverständnisses?

Die wichtige Frage nach Alter, Entstehungsumständen, Textgattung und vor allem Zielsetzung der Lieder ist bei all dem keineswegs wissenschaftliche Haarspalterei. Es dürfte jedem ersichtlich sein, dass der Informationsgehalt eines Volksliedes oder Kulttextes völlig anders beurteilt werden muss, als z.B. der eines Gedichtes zum Lob oder im Auftrag eines Fürsten, das dem vor allem gefallen sollte, und wo deshalb dann eben auch dessen Lieblingsgottheit in viel überragenderer Stellung dargestellt wurde, als es ihr allgemein vielleicht zugekommen sein mag.

Die Sprache der Lieder-Edda ist äußerst knapp und kommt oft genug auch noch in dunklen und mehrdeutigen Formulierungen daher. Sie erzählt nicht ausmalend, sie "erzählt" eigentlich überhaupt nicht, sondern nur die entscheidenden Momente werden schlaglichtartig hervorgehoben. Eine zusammenhängende Darstellung der Geschehnisse und ihrer Hintergründe wird hier nicht vermittelt, sondern diese Kenntnis wurde bei den Zuhörern offenbar als selbstverständlich vorausgesetzt. Und das ist auch der Grund, warum die Lieder-Edda als erste Lektüre für an germanischer Religion Interessierte denkbar ungeeignet ist. Wer mit den mythologischen Zusammenhängen und Hintergründen der Geschehnisse nicht vertraut ist, versteht nämlich über weite Strecken kaum etwas. Deshalb sollte man unbedingt zuerst die Prosa-Edda oder andere, neuere Gesamtdarstellungen des Stoffes kennen, bevor man sich an die Lieder-Edda heranwagt.

Die Prosa-Edda andererseits ist das Werk eines einzigen, uns gut bekannten Verfassers: Snorri Sturluson (1178-1241) war ein isländischer Gelehrter, der zeitweise auch das höchste Amt Islands, das des Gesetzessprechers innehatte. Die Niederschrift seiner Prosa-Edda wird in die Jahre um 1220 datiert. Insofern ist - vom reinen Zeitpunkt der Niederschrift her gesehen - Snorris Edda älter, als die älteste uns erhalten gebliebene Handschrift der Lieder-Edda. Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass die Gedichte der Lieder-Edda die älteren sind, denn Snorri zitiert in seiner Schrift ausgiebig aus ihnen.

Snorris Ziel war die Abfassung eines Lehrbuches für Skalden (Dichter und Sänger). Die altnordische Dichtung lebt nämlich nicht nur von genauen Versmaßen, sondern auch von sehr phantasievollen und äußerst bildhaften Umschreibungen der Sachverhalte, den sogenannten kenningar ("[Er]kennungen"), die oft mythologische Hintergründe haben. Um diese kenningar verstehen und richtig anwenden zu können, muss der Dichter also deren Ursprung kennen. Und dieser Notwendigkeit verdanken wir es, dass Snorri hier eine Gesamtdarstellung der heidnischen Religion gibt. Sein Buch besteht aus drei Teilen, von denen sich das Skáldskaparmál (wörtlich: die Rede von der Schaffenskunst der Skalden) ausschließlich mit den "kenningar" beschäftigt (dieser Teil wird in der Forschung auch Þulur genannt), während das Háttatal (Strophenaufzählung) die Regeln für Versmaß und Stabreim erläutert. Inhaltlich am wichtigsten aber ist der Teil mit dem Titel Gylfaginning ("Gylfis Täuschung"), der deshalb so benannt ist, weil in der Rahmenhandlung ein schwedischer König namens Gylfi zu den alten Göttern reist, um sich von ihnen selbst alles über sie berichten zu lassen. Gegen zuviel Neugier des Fragenden aber schützen sich die Götter durch Sinnestäuschungen, mit denen sie Gylfi zusetzen und ihn am Ende buchstäblich mit lautem Knall wieder auf einem leeren Acker stehen lassen. Dieser Text ist auch für heutige Zeitgenossen noch durchaus flüssig und sehr unterhaltsam zu lesen. Skáldskaparmál und Hattatál dagegen sind derartig trocken und nur für Fachleute und Spezialisten interessant, dass beide Teile in heutigen Übersetzungen meistens nicht mehr mit abgedruckt werden.

Die Beantwortung der Frage, wie verlässlich und authentisch sind die Informationen der Edda sind, war natürlich seit je ein zentraler Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung. Sehr vereinfacht ausgedrückt stellt sich das Problem in Form zweier grundsätzlicher Fragen dar.

Die erste Frage ist: Was wusste man zur Zeit Snorris tatsächlich noch von der Religion der Vorfahren? Als Snorri sein Buch niederschrieb, war Island schon über 200 Jahre lang christlich. Das Heidentum war keine gelebte Religion mehr, sondern nur noch ferne Erinnerung. Die frühere Forschung hat die Informationen Snorris deshalb auch erheblich angezweifelt und sie über weite Strecken als eigene Erfindung betrachtet. Die neuere Forschung aber hat Snorri weitgehend rehabilitiert. Heute glaubt man sagen zu können, dass seine Darstellung weitgehend auf ihm vorliegenden älteren Schriften und mündlich weitergegebenen authentischen Mythen beruht. Übertriebene Skepsis dürfte also fehl am Platze sein. Ein Religionswechsel passiert ja nicht schlagartig, er hat nicht nur eine Vorgeschichte, sondern vor allem auch ein reiches Nachleben der alten Religion. Das Wissen um die alten Götter und ihre Mythen muss sogar ein äußerst zähes Nachleben gehabt haben. Noch in einem kuriosen isländischen Zauberbuch aus dem 17. Jh. werden die alten Götter als wirkkräftige Wesenheiten betrachtet. Zu Snorris Zeiten muss also noch sehr viel der alten Lehre bekannt gewesen sein. Allerdings muss man damit rechnen, dass einzelne Details bereits zu seiner Zeit nur noch bruchstückhaft und unverständlich vorgelegen haben, so dass Snorri so manches durch ihm logisch scheinende Ergänzungen bzw. eigene Interpretationen überbrückt haben mag. Es liegt auf der Hand, dass sich dabei in Einzelfällen Irrtümer und Missverständnisse eingeschlichen haben könnten. Snorri war umfassend gebildet, geschult an mittelalterlicher Gelehrsamkeit und den Quellen der klassischen Antike. Aber er betrachtete die Religion seiner Vorfahren nicht mit jenem christlichen Abscheu, der uns aus den Quellen des kontinentalen Europa so oft entgegentritt. Auch wenn er dem alten Glauben distanziert gegenüberstand, so hat er doch nach bestem Wissen versucht, ihn so objektiv darzustellen, wie es einem Menschen seiner Zeit möglich war. Wir müssen uns aber stets dessen bewusst sein, dass Snorris Bericht in erster Linie seine eigene Meinung über die Religion seiner Vorfahren ist, nicht aber unmittelbarer Ausdruck dieser Anschauungen selbst. Seine größte Eigenmächtigkeit dürfte darin bestanden haben, dass er das ihm vorliegende Material behutsam in ein systematisches Gerüst einfügte. Polytheistische Religionen sind nämlich naturgemäß oft ein chaotischer Wildwuchs. Da sie keine verbindlichen Dogmen kennen, sind die einzelnen Mythen oft widersprüchlich und unvereinbar, je nachdem, wo und wann sie erzählt wurden. Hier war Snorri wohl geradezu gezwungen, die ihm bekannten Quellen zu harmonisieren und zu systematisieren, um ein in sich stimmiges Ganzes zu schaffen, möglicherweise auch unter Auslassung oder sogar Unterdrückung von Quellen, die ihm als zu widersprüchlich oder unverständlich erschienen. Deshalb sind leichte Zweifel daran angebracht, ob die wohlgeordneten Verhältnisse, wie sie uns Snorri präsentiert, tatsächlich den alten Gegebenheiten gerecht werden. Der zeitliche Ablauf der Geschehnisse, die scharf getrennten neun Welten, die genauen Zuordnungen der Göttersitze und die Verwandtschaftsverhältnisse, Partnerbeziehungen und Zuständigkeiten der Gottheiten sollte man sich vielleicht als nicht so starr und eindeutig geregelt vorstellen, wie uns das bei Snorri entgegentritt.

Die zweite Frage ist: Wie weit ist die Edda bereits von christlichem Gedankengut durchsetzt? Es gibt keinen Zweifel daran, dass Snorri überzeugter Christ und nicht etwa heimlicher Heide war. All seine Schriften machen das hinlänglich deutlich. Genauso wenig Zweifel gibt es daran, dass beide Eddas tatsächlich einige bereits christlich beeinflusste Elemente enthalten. Bei Snorri ist der Fall vergleichsweise problemlos. Sein christlicher Blickwinkel drückt sich zwar öfter deutlich aus. Aber gerade, weil das so deutlich geschieht, ist diese Einfärbung leicht zu erkennen und zu trennen. Bei der Lieder-Edda ist das Problem wesentlich komplizierter, da ein möglicher christlicher Einfluss lange vor die offizielle Einführung des Christentums auf Island (im Jahr 1000) zurückreichen kann: Island ist nicht ausschließlich von Norwegen aus besiedelt worden, sondern viele der Siedler waren Norweger, die bereits seit ein oder zwei Generationen in Irland gelebt hatten. Die dort ansässigen Norweger brachten ihre oft irischen Ehefrauen und ihr ganz bestimmt irisches Hofgesinde mit. Bereits die alten Quellen berichten über diese Herkunft, und die 2001 erfolgte genetische Totalerfassung aller Isländer hat diese Informationen völlig bestätigt: während sich die Herkunft der männlichen Isländer tatsächlich fast ausschließlich auf Norwegen zurückführen lässt, weisen 60 % der weiblichen Bevölkerung genetische Verbindungen mit den Britischen Inseln auf. Die keltischen Iren aber waren zu jener Zeit schon lange Christen, so dass wir auf Island seit Beginn der Besiedlung mit Verhältnissen rechnen müssen, die gerade durch die tolerante Grundhaltung des Heidentums christlichen und keltischen Einflüssen einen gewissen Raum gaben. So gilt z.B. der auf Island noch heute sehr lebendige Glaube an die in Hügeln lebenden Feen eher als keltisches Erbe. Die oft anzutreffende Meinung, die isländischen Verhältnisse hätten auf Grund der geographischen Isolation und des Traditionsbewusstseins der Isländer die nordgermanische Religion in besonders reiner Form bewahrt, ist so also nicht richtig. Im Gegenteil: Hätten wir eine norwegische oder schwedische "Edda" aus derselben Zeit (gerade Schweden ist erst sehr viel später als Island christianisiert worden), wäre eine solche mit Sicherheit sehr viel authentischer.

Andererseits ist auch bei dieser Frage übetriebene Skepsis unangebracht: Die politisch bestimmende Oberschicht der freien Bauern hielt fest an ihrem altüberlieferten Heidentum, und deren Stimme ist es, die aus der Edda zu uns spricht. Jede religionswissenschaftliche Erfahrung lehrt uns, dass sich solche fremden Einflüsse leichter in der sogenannten niederen Mythologie, in Brauchtum und Volksglauben niederschlagen (siehe das Beispiel der Feen), aber sehr viel schwerer Einlass in den offiziellen Kult der Hochgötter finden. Zudem sind die Stellen der Edda, die man christlichen Gedankengutes verdächtigt, eigentlich an wenigen Fingern aufzuzählen. Und ausgerechnet jene Elemente, denen auch der Laie auf Anhieb eine Ähnlichkeit mit christlichen Vorstellungen anzusehen meint (Odins Selbstopfer, das apokalyptische Ende und die Neugeburt der Welt) haben sich gerade als nicht-christlich und ur-heidnisch herausgestellt.

Insgesamt sollte man die hier angesprochenen Bedenken gegen den uneingeschränkten Quellenwert der Edda zwar kennen, aber nicht überbewerten. Jeden Satz der Edda auf mögliche Fremdeinflüsse hin kritisch zu beäugen, wird den Texten mit Sicherheit nicht gerecht. Bei all dem ist die Suche nach einer möglichst "reinen" und "unverfälschten" Schicht der germanischen Religion ein Betrachtungsproblem der heutigen Zeit und bereits ein Denkfehler in sich: Eine solche "reine" Religion hat es auf unserer Welt nämlich nirgendwo und zu keiner Zeit gegeben. Wie alle anderen Kulturmerkmale ist auch Religion stets ein Produkt, das sich aus vielfältigen und unterschiedlichen Quellen speist und sich ständig fort- und weiterentwickelt.

Vor allem aber muss man sich davor hüten, die Edda als Darstellung "der" germanischen Religion schlechthin zu betrachten. Was uns in der Edda als speziell isländische Tradition entgegentritt, muss nicht im selben Maße auch für Norwegen, Schweden und Dänemark gegolten haben. Gerade Saxos Quellen über Dänemark stellen etliche der Mythen bereits sehr unterschiedlich dar. Ganz und gar auf dünnem Eis bewegt man sich aber, wenn man die Inhalte der Edda auch auf jene germanischen Völker übertragen will, die 1000 Jahre früher im heutigen Deutschland lebten. Parallelen, ursprungsverwandte Mythen und auch dieselben Hauptgötter dürfen wir schon annehmen. Darüber hinausgehende Details aber sind größtenteils pure Spekulation.

Übersetzungen

Jede Übersetzung kann immer nur Annäherung, aber niemals genaue Entsprechung sein. Wenn wir dieses Problem schon bei der Prosa, also der erzählenden Literatur haben, dann umso mehr bei der Lyrik (Gedichten), deren Sprache - wie der Begriff ja schon sagt - extrem "verdichtet" ist und die außerdem meistens noch einen streng vorgeschriebenen Versrhythmus hat. Um es noch komplizierter zu machen kommt im Altnordischen noch das Stilmittel des Stabreimes hinzu: Nicht die letzte Silbe einer Zeile reimt sich auf die letzte der nächsten Zeile, wie wir es gewohnt sind, sondern die Anfangssilben bestimmter Wörter müssen sich reimen, und das an sehr genau festgelegten Stellen im selben Satz, eingebunden in ein strenges Versmaß der Gesamtstrophe, von dem es wiederum etliche Variationen gibt.

Außerdem kommt das Altnordische - darin dem Englischen ähnlich - mit sehr viel weniger Wörtern und Silben in einer Zeile aus, als das Deutsche es mit seinen vielen Pronomen, Präpositionen und Artikeln vermag. Es ist also schlicht unmöglich, Versmaß, Stabreim und Wortbedeutung gleichermaßen getreu ins Deutsche zu übertragen. Zwangsläufig muss dabei eines immer auf Kosten des anderen gehen. Bei der grundsätzlich nötigen Entscheidung des Übersetzers, ob inhaltliche Bedeutung möglichst genau wiedergegeben oder aber Reim und Rhythmus gerettet werden sollen, sind verständlicherweise meistens Kompromisse angestrebt worden, die bisher aber leider immer zu Gunsten der beiden letzgenannten Elemente ausfielen, und das häufig mit dem katastrophalen Ergebnis, dass man letztlich keinem der Elemente mehr gerecht wurde und seltsame Versungeheuer entstanden, die man nur noch verstehen kann, wenn man das Original kennt.

Die hier angesprochenen Probleme beziehen sich natürlich zuallererst auf die Gedichte der Lieder-Edda, nicht auf die erzählende Prosa-Edda Snorris. Letztere bietet kaum übersetzungstechnische Schwierigkeiten und liegt auch in sehr gesichertem Wortlaut vor, womit wir bei einem weiteren Problem der Lieder-Edda sind: Die uns erhalten gebliebenen Handschriften sind nicht völlig identisch, sondern weisen geringe Abweichungen voneinander auf. Im Altnordischen aber kann schon ein einziger Buchstabe den Sinn eines Wortes gänzlich ändern, ein einziges Wort aber bereits den Sinn einer ganzen Strophe. Wir können nie völlig sicher sein, ob diese Abweichungen auf simple Schreib- oder Flüchtigkeitsfehler zurückgehen, oder ob sie eine ursprünglichere und damit authentischere Version darstellen. Der Urtext ist also nicht so sicher überliefert, wie es wünschenswert wäre. Es gibt außerdem offensichtliche Auslassungen wie auch spätere Einschübe, die Manuskripte sind an manchen Stellen beschädigt oder unleserlich, und in der lange tradierten Kunstsprache der Edda tauchen seltene und künstliche Ausdrücke auf, die in den zahlreichen anderen Texten, wie den Sagas, kaum je vorkommen. Keine Übersetzung kann deshalb ohne folgenschwere Entscheidungen des Übersetzers auskommen und würde deshalb stets zahlreiche Anmerkungen und Erläuterungen erfordern. Genau daran fehlt es aber bisher völlig, so dass dem Leser eine inhaltliche und überlieferungstechnische Problemlosigkeit der Texte suggeriert wird, die ihnen gerade nicht eigen ist.

Die Übersetzung von Karl Simrock

Die zahlreichen Übersetzungen des 19. Jahrhunderts sind nur noch aus historischen Gründen interessant und heute größtenteils zu Recht vergessen. Die älteste heute noch nachgedruckte Übersetzung stammt von Karl Simrock (1802-1876), einem der bedeutendsten Germanisten des 19. Jahrhunderts, und seine 1851 erstmals erschienene Übersetzung setzte für lange Zeit Maßstäbe. Simrock bemühte sich um eine recht genaue Übersetzung bei gleichzeitiger Stabreimrettung, also um den erwähnten Kompromiss. Das führte dazu, dass er oft recht skurrile deutsche Wörter benutzen musste, die damals bereits altertümlich wirkten und heute gänzlich unverständlich sind. Wer weiß heute noch, dass z.B. Gezäh früher einmal Bergmannswerkzeug bedeutet hat? Zudem steckte die Erforschung des Altnordischen selbst wie auch die der germanischen Religionsgeschichte damals noch in ihren Anfängen, was dazu führte, dass Simrock einige dunkle und schwer verständliche Passagen entweder ganz auslässt oder aber völlig falsch übersetzt, indem er gewaltsam einen Sinn hineinfantasiert. Ein durchgängigeres Problem ist sein Verhältnis zum Text selbst, eine weihevolle Ehrfurcht, die noch ganz in der deutschen Romantik verwurzelt ist, die in der Edda mit verehrender Scheu dem ursprünglich Göttlichen zu begegnen glaubte.

Die Übersetzung von Wilhelm Jordan

Seit kurzem ist auch wieder die Übersetzung Wilhelm Jordans erhältlich, die Ende des 19. Jahrhunderts erschien. Sie ist ausgesprochen interessant und eine sehr eigenständige Leistung, der man anmerkt, dass sie sich wirklich am Originaltext orientiert. Jordan vermeidet dadurch einige der in allen anderen Übersetzungen auftauchenden Fehler. Andererseits hapert es dafür an anderen Stellen, da er in Sachen Eigenständigkeit und Originalität zuweilen sehr über das Ziel hinausschießt und recht abenteuerliche Textverbesserungen vorschlägt (und auch dementsprechend übersetzt), die man nur als krasse Außenseitermeinung bezeichnen kann und die gerade angesichts von über hundert Jahren weiterer Forschungsgeschichte heute als verfehlt angesehen werden müssen.

Die Übersetzung von Rudolf Gorsleben

Auch die Übersetzung Rudolf Gorslebens von 1920 ist wieder auf dem Markt, die aber aus verschiedenen Gründen entbehrlich ist. Sprachlich ähnelt sie der Arbeit von Jordan, Gorsleben aber zerreißt die Lieder völlig und ordnet ihre Inhalte völlig neu an. Eine Strophenzählung fehlt völlig und die Reihenfolge ist sehr willkürlich. Gorslebens ariosophischer Hintergrund wird an eigenmächtigen Änderungen deutlich, wenn er z.B. den Gott Rígr in "Aring" umbenennt und Odins Zauberlieder mit den 18 Symbolen des sogenannten Armanen-Futharks versieht.

Die Übersetzung von Felix Genzmer

Die bis heute am häufigsten nachgedruckte Übersetzung stammt von Felix Genzmer (1878-1959), und sie wird zu Recht als sprachlich beeindruckende Leistung angesehen. Genzmer versuchte wie kein anderer, den "Geist" der Edda zu erfassen, deshalb ist sein Werk eigentlich mehr Nachdichtung als Übersetzung. Den Stabreim versucht er weitgehend beizubehalten. Durch extreme Komprimierung verkürzt er die Sprache auf wuchtige Maße, die dem Original nahekommen. Der Effekt dieses Stilmittels wirkt im Deutschen allerdings völlig anders, als im Altnordischen. Da bei letzterem auch die Prosasprache recht knapp daherkommt, ist dort in dieser Hinsicht der Unterschied zwischen Gedicht und Prosa nicht ganz so gewaltig, wie bei der Eindeutschung Genzmers. Jene Passagen des Originals, die dunkel und geheimnisvoll sind, wo Schicksalsmächte und Heroisches unentrinnbar walten, bringt Genzmer gut zum Ausdruck. Aber die andere Seite der Edda, das Erdhafte, Bodenständige, Humorvolle und menschlich Anrührende ist bei ihm kaum mehr erkennbar. Denn der "Geist", den Genzmer der Edda unterlegt, ist vor allem der Zeitgeist der wilhelminischen Ära, die von heute unerträglichem Pathos und heldischer Überhöhung geprägt war. So wimmelt es denn bei Genzmer auch nur so von "Edelingen, hehren Recken, holden Maiden" usw., was aus heutigem Sprachverständnis dem Original keineswegs gerecht wird. Es steht zu befürchten, dass diese seit fast 100 Jahren am weitesten verbreitete Übersetzung mit ihrem Pathos nicht ganz unschuldig an dem verzerrten Germanenbild war, welches das ganze 20. Jahrhundert prägte.

Die Übersetzung von Arthur Häny

Erst 1987 erschien eine grundlegende Neuübersetzung des Dichters Arthur Häny, die einige Fehler der Vergangenheit zu vermeiden versucht. Häny übersetzt sinngemäß so gut wie möglich, auch die humorvollen Stellen kommen nicht zu kurz, er versucht aber, einen genauen Versrhythmus einzuhalten. Vor allem aber bemüht er sich um ein etwas zeitgemäßeres Deutsch und gibt gerade dadurch dem Text ein großes Stück seiner Authentizität zurück. Der von vielen Übersetzern angestrebte Kompromiss ist hier recht gut gelungen. Dafür aber verzichtet Häny auf durchgehende Rettung des Stabreimes. Und das ist auch gut so, denn gerade dessen zwanghafte Anwendung im Deutschen verhindert oft eine genaue Übertragung und lässt viele Übersetzungen gerade von der Wortwahl her so sonderbar klingen. Allerdings übersetzt auch Häny die berühmte letzte Zeile der Völuspa sinnentstellend falsch, was aber mit Ausnahme Wilhelm Jordans ein Grundproblem fast aller deutschen Übersetzungen ist. Insgesamt gesehen dürfte Hänys Übersetzung derzeit die erste Wahl darstellen, und das vor allem für Menschen, die dem Text zum ersten Mal entgegentreten.

Während sich all die erwähnten Übersetzungen auf die Lieder-Edda beziehen, kann man zur Prosa-Edda Snorris eigentlich alle Übersetzungen empfehlen bzw. nicht sonderlich kritisieren. Sie wird heute in Übersetzungen von Karl Simrock, Gustav Neckel und Arthur Häny vertrieben. Auch hier ist die Übersetzung Hänys deshalb hervorzuheben, weil sie im verständlichsten Deutsch daherkommt.

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