Das Sumbel

Peter Walthard 2002

Der uralte Brauch des Minnetrinkens reicht bis in älteste Vorzeit hinauf. Beim Sumbel kommen die Feiernden um den Kessel mit frisch gebrautem Ael zusammen, trinken auf ihre Götter, Ahnen und Helden und erleben sich selbst als Teil einer starken Gemeinschaft.
Mit dem heiligen Brauch des Sumbels begeben wir uns an die Quelle der Wurt und schöpfen aus dem Erlebten und Geschehenen Mut und Zuversicht für die Zukunft.

Das Sumbel - ein alter und heiliger Brauch
Das Sumbel ist einer der ältesten und heiligsten Riten unserer alten Sitte. Seine Ursprünge gehen zurück in graue Vorzeit. Ein kultisches Trinkgelage war allen indoeuropäischen Stämmen gemein. Der Met, später der Wein und das Bier galten als mit magischer Kraft durchwirktes Geschenk der Götter. Das gemeinsame Trinken war der Höhepunkt der Opferfeste, um den Kessel mit dem goldenen Met versammelt, fühlten sich die Feiernden ihren Göttern und Ahnen näher. Die Gewinnung des Rauschtranks durch den obersten Gott war eines der zentralen Themen der indoeuropäischen Mythologien. Neben dem altindischen Somaopfer und den Libationen der Griechen, Römer und Slawen ist das Sumbel die germanische Ausformung dieses in die Urzeiten europäischer Kultur zurückreichenden Rituals.

Das Sumbel war meist Teil eines Opferfestes und folgte auf das Hunsal, das Verspeisen des Opferfleisches. Sein Name ist denn auch mit demjenigen der Gelage der griechischen Philosophen, dem Sumbole, verwandt. Eine andere Deutung aus Sum-Alu, „Versammlung des Aels“, verweist auf denselben Sinn. Wie das Pluostar, bei dem die Feiernden mit dem Opferblut besprengt wurden, und das Hunsal, bei dem sie das in Kesseln gekochte Opferfleisch verzehrten, war auch das Sumbel eine Kommunion, ein Ritual, bei dem die mystische Gemeinschaft der Feiernden mit den Göttern und Ahnen erlebt wurde.
Getrunken wurde in Runden, oft aus einem einzigen Trinkhorn, dass in Richtung des Sonnenlaufes umgegeben wurde. Vor jedem Trunk wurde ein Trinkspruch ausgebracht. Dabei wurden nicht nur Götter und Ahnen geehrt, man trank auch auf vollbrachte Heldentaten und schwor bei der Gelegenheit heilige Eide. Der Rückblick auf die Vergangenheit, die Erinnerung an vollbrachte Taten und überstandene Abenteuer verband sich mit Hoffnungen und Plänen für die Zukunft. Die Feiernden schöpften Mut und Zuversicht aus dem gemeinsam Erfahrenen. Wenn sie zu Sumbel sassen, begaben sie sich zur Quelle der Erinnerung, des Lebens, des Schicksals: Dem Brunnen der Wurt.

Das mit Met gefüllte Trinkhorn, an dessen Grund niemand zu schauen vermag, verkörpert beim Sumbel den Wurtbrunnen, der unter den Wurzeln des Weltenbaums hervorquillt. Er wird vom Tau gespiesen, der aus den Aesten der grossen Esche tropft. Sein Wasser ist so heilig, dass alles, was damit in Berührung kommt, so weiss wird wie Schnee. Die Nornen schöpfen dieses Wasser und giessen es über den Stamm der Irminsul, während sie Schicksale sprechen.
Es ist das Verdienst von Paul Bauschatz, dass uns die Symbolik dieses heiligsten Bildes unserer Sitte verständlich geworden ist. Es sind die Taten, die in den Welten im Geäst der Weltenesche vollbracht werden, die wie Tau in den Wurtbrunnen fallen, sich dort vermischen und ablagern. Aus diesem Brunnen des Gewordenen schöpfen die Nornen, wenn sie neue Geschicke legen, indem sie das Wasser der Quelle über den Stamm des Weltenbaumes giessen, wo sich wie weisser Sinter das Urlag, das Urgesetz, Schicht um Schicht niederlegt und festsetzt. „Der Baum füllt die Quelle, die Quelle nährt den Baum“, schreibt Bauschatz in „The Well and the Tree“.
Wenn beim Sumbel vor jedem Trunk vollbrachter Taten gedacht und neue angekündigt werden, wiederholen die Feiernden das Wirken der Nornen. Dies ist der Grund für die besondere Heiligkeit dieses Rituals. Die Teilnehmer begeben sich bewusst in den Fluss des Gewordenen, des Werdenden und des Sein-sollenden.
Die Trinkenden schöpfen aus dem Brunnen ihrer Erfahrungen und Erlebnisse die Kraft und das Selbstvertrauen, die sie benötigen, um neue Herausforderungen anzupacken.

Regeln und Rollen bei Sumbel

Wie jedes Ritual gehorcht auch das Sumbel bestimmten Regeln. Die wichtigste ist, dass der heilige Friede nicht gebrochen werden darf. Ein Sumbel kann kontrovers sein, die Teilnehmer dürfen sich auch herausfordern, doch darf es niemals zu Beleidigungen oder gar Gewalt kommen. Über dem Sumbelhorn herrscht absolute Redefreiheit, wer immer das Horn in der Hand hat, darf sprechen solange und was er will. Keiner hat das Recht, ihm ins Wort zu fallen. Solange die Ehre der Anwesenden nicht angetastet wird, ist auch Kritik, etwa in Form eines satirischen Schnitzelbankes, Teil eines lebendigen Sumbels.

Meineide, die beim Sumbel geschworen werden, wirken zersetzend. Niemals, auch im Rausche nicht, sollten Dinge geschworen werden, die nicht erfüllbar sind. Wenn jemand im Begriff steht, einen heiligen Eid zu schwören, dem er sicher nicht nachkommen kann, hat der Sumbelgeber das Recht, ihn herauszufordern und sein Missfallen über den Eid auszudrücken. Dies sollte aber unter allen Umständen so geschehen, dass die Ehre des Schwörenden nicht verletzt wird.

Es empfiehlt sich, Sumbel nur mit Leuten zu trinken, denen man vertraut. Obwohl die Tradition des Sumbel ein Bestandteil der Alten Sitte ist, bietet es sich an, auch mit Freunden, Weggefährten und vorallem der eigenen Sippe zu Sumbel zu sitzen, auch wenn diese einer anderen Religion angehören. Solange diese unseren Brauch zu würdigen wissen, stellt dies kein Problem dar. Über die Quelle der Wurt sind wir auch mit jenen verbunden, die unseren Glauben nicht teilen.

Zu Sumbel sitzen kann man grundsätzlich immer. Bei einem Heiligen Fest folgt es auf den Opferschmaus, das Hunsal. In alten Quellen wird berichtet, wie die Tafeln mit den Speiseresten aus der Halle getragen wurden, bevor das „ernsthafte Trinken“ begann. Auch nach dem Aufkommen von Trinkbechern wurde nun zum Horn gegriffen. Ein schönes Sumbelhorn ist auch heute der Stolz einer heidnischen Sippe.
Der traditionelle Sumbeltrank schlechthin ist der Met, aber auch andere vergorene Getränke wie Wein, Bier oder saurer Most eignen sich. Wenn Leute aus bestimmten Gründen keinen Alkohol trinken dürfen, ist Apfelsaft oder klares, reines Wasser eine gute Alternative. In den USA wird das Sumbelhorn mitunter auch mit Coca-Cola gefüllt.
Beim Sumbel zu essen gilt gemeinhin als unhöflich. Jeder Teilnehmer kann aber während des Sumbels aus einem eigenen Glas Wasser oder Tee trinken, wenn er will. Wer sich zwischen zwei Runden kurz entfernen will kann dies tun, sollte aber Acht geben, die Aufmerksamkeit der anderen nicht zu stören.

Vor Beginn des Sumbels muss alles vorbereitet werden, damit die Atmosphäre während des Rituals nicht durch unnötige Pannen beschädigt wird. Der Tisch sollte sauber gemacht, die Reste weggeräumt und die Flaschen mit dem Sumbeltrank geöffnet werden. Auch ein Spaziergang oder eine sonstige kleine Pause nach dem üppigen Mahl empfiehlt sich. Die Sitzordnung sollte wenn nötig vor Beginn des Sumbels festgelegt werden. Der Sumbelgeber und die Mundschenkin sitzen dabei am Haupt der Tafel, die Gäste folgen nach Alter, Würde und Rang. Sumbel wird aber heute auch gerne im Kreis getrunken, was weniger hierarchisch ist.

Das Sumbel wird vom Sumbelgeber eröffnet. Er ist es, der die Gäste zum Minnetrunk geladen hat und das Ael offeriert. In alter Zeit war dies ein Goding oder König. Die Rolle des Mundschenks übernahm oft dessen Frau. Die Mundschenkin sollte keineswegs als Dienerin betrachtet werden. In der Edda sind es die Göttinen höchstselbst, die in dieser Ehrenrolle auftreten. Die Mundschenkin hat das Recht,beim Einschenken die Trinkenden zu ermahnen. Ihr gebührt höchster Respekt, und sie kann selbst am Sumbel teilnehmen, wenn sie dies wünscht.
In der Angelsächsischen Tradition werden der Sumbelgeber und die Aelträgerin durch den Thyle unterstützt. Ein Thyle sollte eine ältere, erfahrene Person, die über tiefe Kenntnis der Alten Sitte verfügt, sein. Mit seiner Weisheit soll ein Thyle den Verlauf des Sumbels positiv beeinflussen. Auch ein vom Sumbelgeber engagierter Minnesänger kann viel zur guten Atmosphäre beitragen.

Der Verlauf eines Sumbels

Wenn alle Vorbereitungen getroffen sind und alle ihre Sitze eingenommen haben, beginnt das Sumbel mit dem Segnen des Aels, das in einem grossen Kessel in der Mitte der Trinkenden steht. Mit der Hammerweihe stellt der Sumbelgeber das Ael unter den Schutz der Götter. Darauf eröffnet er das Sumbel mit einer kurzen, feierlichen Ansprache.

Der erste Teil des Sumbels besteht aus dem Minnetrinken. Zuerst trinkt man auf die Götter. Wenn dies nicht schon vor dem Mahl geschehen ist, bringt nun der Sumbelgeber drei Trinksprüche auf die drei ihm am wichtigsten Götter, zum Beispiel Wuodan, Donar und Friija, aus. Jeder Sumbelteilnehmer kann nun die Minne seines Lieblingsgottes trinken. Wer nicht der Alten Sitte angehört kann das Horn auch auf einen persönlichen Schutzgott oder ein ihn leitendes Prinzip heben. In dieser Runde besinnen sich die Sumbel trinkenden auf etwas, das ihnen heilig ist.

Nachdem auf die Götter getrunken wurde, wendet sich die Minne den Verstorbenen zu. Es sollte dabei möglichst auf alle verstorbenen Sippenmitglieder und Freunde getrunken werden. Durch den Trinkspruch, das Gedenken, sind sie während dem Sumbel anwesend. Mit dem Andenken an die Toten besinnen sich die Trinkenden auf ihre Wurzeln und Bindungen. Es kann auch auf Helden getrunken werden, Menschen, deren Taten einen beeindruckt und bestärkt haben.

Auf die Minne der Toten folgen die Trinksprüche auf die eigenen Taten. Dies kommt heutzutage einem eigentlichen Tabubruch gleich. Die Feiernden erzählen von ihren Abenteuern, von Herausforderungen, die sie bestanden haben, von Siegen, auf die sie stolz sind. Dabei werden auch die Heldentaten der eigenen Ahnen oder Verwandten gewürdigt, vorallem aber rühmt man sich doch der eigenen Leistungen. Die Trinkenden besinnen sich so auf ihre eigene Kraft und ihren inneren Stolz.
An die Minne der eigenen Taten schliessen die Eide und Gelübde an. Nun wird auf Dinge getrunken, die geschehen sollen. Wer vor einer schwierigen Prüfung steht, kann nun mit einem Eid das ganz Bewusstsein der eigenen Kraft, der Verbundenheit mit den Ahnen und dem, was ihm heilig ist, an die Taten knüpfen, die er zu vollbringen gelobt. Er stärkt sich und seinen Willen mit dem Mut und der Zuversicht, die ihm die tiefe Verbindung zu seiner Sippe, seinen Freunden und seinen Göttern geben. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Eid ernst gemeint sein muss und bindenden Charakter hat. Wer beim Sumbel einen Meineid leistet, zerstört all das, was ihm hätte Kraft geben können. Niemand sollte Dinge schwören, die zu tun er nicht im Stande ist.

Je weiter das Sumbel fortschreitet, desto freier werden die Runden. Es können Lieder oder Gedichte vorgetragen werden, Scherz und Satire, aber auch ernste Diskussionen können Gegenstand der Trinksprüche werden. Das Sumbel ist auch eine gute Gelegenheit, Geschenke auszutauschen. Was beim Sumbel nichts zu suchen hat sind Galanterien und Avancen. Äl und Eifersucht sind eine Mischung, die allzu leicht zu Streit und Gewalt führt.
Das Sumbel wird vom Sumbelgeber mit einigen wenigen Worten beendet.

Auch wenn sich ein Sumbel lange hinziehen kann, sollten sich die Teilnehmer nicht sinnlos betrinken. Wenn der Sumbelgeber merkt, dass die Zungen schwerer werden, wird es Zeit, den Ritus zu beenden. Das Fest kann dann immer noch lange weitergehen. Mit einer guten Mehl- oder Zwiebelsuppe lässt sich mancher müde Trinkgenosse wieder aufrichten. Auf jeden Fall muss der Sumbelgeber für genügend Schlafplätze sorgen, damit seine Gäste nicht angetrunken nach Hause fahren müssen. Dies ist ein Teil seiner Aufgabe als Gastgeber.

Das Ziel eines guten Sumbels ist es, dem Menschen zu gestatten, an seine Quellen zurückzukehren. Im Kreis seiner Sippleute erinnert er sich an das, was ihm heilig ist, seine Götter, seine Werte. Er fühlt die Verbundenheit zu seinen Ahnen, die vor ihm lebten und von denen er abstammt. Er erinnert sich seiner eigenen Kraft, der von ihm schon erbrachten Leistungen. Er sieht, wie früher vergleichbare Situationen gelöst wurden, wie ähnliche Nöte vorübergingen. Auf diese Weise gestärkt kann er sich von neuem den Unbilden des Lebens stellen und die Herausforderungen, die dieses ihm bereithält, mit frischem Mut in Angriff nehmen.

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