Das Ritual - Die Handlung als Weg

Eine persönliche Betrachtung des Kultes im modernen Asatru

Christian Bartel 2002


Das Ritual ist sich wiederholende Handlung und damit Sicherheit. Von ihrer Intention unterscheiden sich die Rituale des Asatru nicht so sehr von denen anderer Religionen.

Sie sollen, neben dem Kontakt mit den Göttern und Ahnen, durch das Gemeinschaftserlebnis und den Wiedererkennungswert Sicherheit und Halt bieten. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf Rekonstruktionen historischer Rituale als um das Funktionieren eines Prinzips.
Es wäre ein Mißverständnis, zu glauben, dass nur solche Handlungen "echt" sind, die sich auf historische Überlieferungen stützen lassen und damit "authentisch" sind.
Im ersten Kontakt können Menschen sich an Rituale der Kirche erinnert fühlen. Daraus resultiert manchmal der Vorwurf, ein Blot sei ja garnicht so anders als eine Messe in der Kirche. Dem kann man entgegen halten, dass es etwas mit einer sehr ähnlichen Intention ist: eine Opferung an die Götter und damit eine Kontaktaufnahme zu höheren Mächten. Näher betrachtet ist ein Blot aber doch in wesentlichen Punkten anders als eine Messe (abgesehen davon, dass es sich um andere Mächte handelt, die im jeweiligen Mittelpunkt stehen). Zum Einen findet ein Blot in der Regel in kleineren, intimeren Gruppen statt und bietet daher viel mehr Raum für persönliche Entfaltung als eine Messe. Zum anderen ist es das erklärte Ziel von Kultgemeinschaften des Eldarings, möglichst viele der Mitglieder an Kulthandlungen zu beteiligen. Es gibt keinen Priesterstatus, der das alleinige Recht für Kulthandlungen einschließen würde. Es gibt zwar das Godentum (das für den Eldaring noch keinesfalls zu Ende definiert worden ist), aber ansonsten hat jeder einzelne Mensch das Recht, sich an die Götter zu wenden. Ürbigens ebenso, wie jeder Mensch das Recht hat, für diesen Kontakt Mittler zu konsultieren, wenn er sich selbst nicht in der Lage sieht, den Kontakt herzustellen. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, werden so viele der Blotteilnehmer wie möglich in die aktiven Handlungen eingeschlossen. Jeder muss die Möglichkeit haben, den Kontakt zu fühlen und das Ritual bewußt mit zu gestalten.
Natürlich haben sich hier einige Formen herausgebildet, die gerne immer wieder verwendet werden. Ein Beispiel dafür sei das Hammerritual, dass in der Vergangenheit nicht unumstritten war, sich aber dennoch einen festen Platz im modernen Kult erworben hat. Und das nicht, weil es historisch belegbar wäre (was es nicht ist), sondern weil es einen Zweck erfüllt und vielen Asatruarn aufgrund der Publikationen von Edred Thorsson bekannt ist.

Natürlich hat es einen gewissen Anmut, Rituale von den Menschen zu rekonstruieren, die noch in einem heidnischen Umfeld lebten, namentlich von unseren Vorfahren. Es gibt aber sehr wenig über den Kult zu finden und das zu findende gibt nicht annähernd ein geschlossenes Bild. Daher ist es legitim und notwendig, sich Rituale zu schaffen. Das Ziel ist eben nicht die historische Korrektheit, sondern der Zweck, den sie für die Gemeinschaft und den Einzelnen erfüllen.
Natürlich handelt es sich hier um eine Gratwanderung. Einerseits müssen Rituale neu geschaffen werden, um Lücken der unterbrochenen Überlieferung zu füllen, andererseits aber darf dieses Vorgehen nicht zu allzu fantasylastigen Konstrukten führen, die den Bodenkontakt zu verlieren drohen und in denen der Geist der Religion unserer Vorfahren nicht mehr zu erkennen ist. Eine beliebte Praxis der sogenannten "freifliegenden" Heiden scheint es zu sein, Traditionen zu mischen und sich bunte Rituale zusammenzustellen, die alle möglichen Einflüße aufweisen. Das kann in meinen Augen (!) nicht der Weg für Asatruar sein. Die Überlieferungen sind zwar auf den ersten Blick nicht so üppig an Kultbeschreibungen, aber sie bieten vielleicht gerade deshalb sehr viel Raum und auch Spielraum für Rituale, die an historischen Kontext angelehnt sind, und trotzdem ihren heutigen Zweck erfüllen. Es muss nicht immer das ritualmagisch verwurzelte Hammerritual sein. Warum nicht mal eine Thingeinfriedung nach Vorbild der Grettissaga? Hier sind der Phantasie in meinen Augen zwar Grenzen gesetzt (nämlich die unserer eigenen Auffassung von Asatru), aber das Feld ist so überwältigend weit, dass es ein Menschenleben und länger dauern mag, es zu erforschen.

Meiner Meinung nach bewege ich mich innerhalb von Asatru in einem geschlossenen mythologischen System. Ich kenne zwar z.B. die griechische Mythologie aus Büchern, aber sie hat in meinen, ganz persönlichen Ritualen keinen Platz. Ebensowenig wie die ägyptische oder indianische. Ich ganz persönlich habe kein Bedürfnis nach synonymen göttlichen Prinzipien, die für mich wie die Übersetzungen meiner mythologischen Sprache in eine andere sind. Dennoch sind Anleihen bei der Handlung selbst kein Tabu, wenn man sie sozusagen in den eigenen mythologischen Kontext "übersetzt" und sich dieser Handlung sehr bewußt ist. Als Beispiel dafür sei z.B. die Möglichkeit erwähnt, eine Art Tarotset in den nordischen Kontext zu stellen, wie es Voenix mit seinem Kartendeck in einer künstlerisch sehr ansprechenden Form getan hat. Das Konzept ist sicherlich nicht historisch, aber das wird dort auch nicht behauptet. Ein solches Set gehört nicht zu meinen Utensilien für ein Ritual, aber es hat in meinen Augen, mehr als jedes "Golden Dawn"-Deck, seinen Platz im Asatru verdient. Die Grenzen dessen, was noch zu Asatru gehört und was nicht, werden heutzutage sehr unterschiedlich und individuell definiert. Dennoch gibt es, in Ermangelung eines besseren Begriffes, ein Grundrauschen, welches das diffuse Gruppengefühl widerspiegelt, was zu weit hergeholt erscheint und was nicht. Dieses Grundrauschen mag einer gewissen Mode gegenüber nicht ganz unempfänglich sein und es mag sich von einer Gruppe zur Anderen unterscheiden, es spiegelt aber die Bedürfnisse der Gläubigen wider und dass ist es schließlich, worum es sich letztlich dreht.

Ein anderer Aspekt dieser konstruierten Rituale ist der sehr wichtige Bereich der Improvisation. Sehr viele Elemente moderner Rituale des Asatru entstammen einem plötzlichen Einfall eines Blotteilnehmers, den dieser sofort bei der Kulthandlung spontan in die Tat umsetzte. Solche spontanen Handlungen werden wiederholt, wenn sie bei den Anwesenden eine Saite zum klingen
bringen und das Blot insgesamt bereichern. So entwickeln sich neue Traditionen, in meinen Augen ein Zeichen einer lebendigen, sich entwickelnden Religion.

Was auf jeden Fall vermieden werden muss, ist der Anschein bei unerfahrenen Asatruarn, es handle sich bei der in Wirklichkeit rekonstruierten, konstruierten oder spontan improvisierten Handlung um altehrwürdige, jahrtausende alte Tradition. Es gibt Fälle genug, wo genau dieser Eindruck bei Menschen bewußt erzeugt und genährt wird.

Kritik am Ritual sei jedem gestattet, wenn auch mit dem nötigen Respekt. Da es den Teilnehmern eine wichtige, ja heilige Handlung ist, ist der Umgang mit eigener Kritik am ehesten dadurch zu verwirklichen, dass man sich beim nächsten Mal meldet und es nach den eigenen Vorstellungen anders macht. Die Handlungen werden in der Regel vorher durchgesprochen und solche Gespräche bieten Raum für Veränderungsvorschläge auch bei vermeintlich festen Bestandteilen des Blots. Auf diese Weise wird sich schnell herausstellen, ob die eigene Idee praktikabel und gruppentauglich ist. Asatru ist eine Religion der Macher, nicht der Schäfchen, die sich führen lassen müssen und sich dann wundern, wenn es am Ende die Schlachtbank ist...

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