Das Gebet bei den Germanen

Alex jahnke 2002

Das nächstliegende Mittel für den Menschen, um sich an die Götter zu wenden, war das Gebet. In keinem Punkt ist aber unser Quellenmaterial so enttäuschend wie gerade hier. Es ist gewiss nicht von ungefähr, dass die meisten Werke über die Religion der Germanen diesem Thema wenig oder keine Aufmerksamkeit widmen. Die Knappheit der Quellen hat einige Autoren sogar zur Behauptung verführt, das Beten hatte der Art der Germanen nicht entsprochen. Dennoch wissen wir einiges über die Umstände, unter denen die Götter angerufen wurden:Vor dem Werfen des Loses, vor dem Opfer, bei der Eröffnung der Volksversammlung, einem Zweikampf oder einer Feldschlacht, bei der Wahl einer vor neuen Wohnstätte usw.

Es gab kein wichtiges Ereignis im Leben des Germanen, bei dem er nicht die Götter oder einen bestimmten Gott um Beistand anflehen konnte, was er denn auch tatsachlich tat. Dass diese Gebete die Bekehrung nicht überleben konnten, versteht sich von selbst.
Trotzdem gibt es ein paar Texte, die uns einen Begriff vom Stil und von der Form des germanischen Gebetes vermitteln. Das erste Gebet ist in einem angelsächsischen Ritual erhalten geblieben, das zum Zwecke hatte, einen unfruchtbaren Acker zu entzaubern:

„Nimm dann den Samen, lege ihn auf den Pflug und sage:

Erce, Erce, Erce, Mutter der Erde,

Der Allmächtige gönne dir, der ewige Herr

Äcker wachsend und sprießend,

Schwellend und üppig aufschießend,

Hohe Stengel, glänzende Früchte,

Früchte der breiten Beeren (?),

Früchte des weißen Weizens,

Und alle Früchte der Erde...,“

Wenn man den Pflug vorwärst treibt und die erste Furche aufwirft, so sage man:

„Heil dir, Erde, Mutter der Menschen, Sei wachsend durch Gottes Macht, Voll der Nahrung zum Nutzen der Menschen...“

Hier ist aber Erce oder Mutter Erde gänzlich dem Gott der Christen untergeordnet; diesem Umstand verdanken wir wahrscheinlich die Erhaltung des Textes. Die feierliche Anrufung der erwachenden Sigrdrifa steht ohne Zweifel dem heidnischen Geist näher:

Heil dir, Tag! Heil euch, Tagsöhne! Heil, Nacht und Nachtkind!

Mit holden Augen schaut her auf uns Und gebt uns Sitzenden Sieg!

Heil euch, Asen! Heil euch, Asinnen! Heil dir, fruchtschwere Flur!

Rat und Rede gebt uns Ruhmreichen beiden Und heilkräftige Hände!

Wenn auch hinsichtlich der Datierung dieser Verse ein gewisser Zweifel bestehen mag, so geben sie dennoch ein gutes Beispiel der Gebetsform: das alliterierende Versmaß, das dem Gebet einen erhabenen Ton verlieh, kommt auch auf einigen alten Runensteinen vor. Das Dichten und gut Vortragen eines solchen Textes kann nicht jedermanns Sache gewesen sein. Bei besonders feierlichen Gelegenheiten wurde ein speziell befugter "Kultusredner" mit dem Hersagen der heiligen Worte betraut. Im Norden hieß er Thul. Im Altenglischen bedeutet das dementsprechende Wort Thyle („Redner“, aber auch „Narr, Possenreißer“): seiner geweihten Aufgabe entledigt, wurde der Kultussprecher zum Hofbeamten, oder noch geringer: zum Hofnarren. Die alte Bedeutung ist noch erhalten in einem Beinamen Odins: FimbuI ThuIr, „der große Thul“; war er doch der Erfinder der Dichtkunst, die ja gerade der Sprache eine besondere Weihe gab.

Die Haltung beim Gebet ist in Tacitus' Beschreibung des Losens nur kurz angedeutet: »mit zum Himmel erhobenen Augen».

So, und mit in bittender Gebärde erhobenen Händen, ist ein betender Germane auf der Markussäule in Rom dargestellt: römische Soldaten sind dabei, sein Dorf zu plündern und zu zerstören; nur von den Göttern kann er noch Hilfe erhoffen. Eine Bronzefigur eines betenden Germanen zeigt den Mann in der gleichen Haltung, diesmal aber nicht stehend, sondern auf das rechte Knie niedergesunken. Eine tiefe Ehrfurcht und eine innige Überzeugung sprechen aus seiner ganzen Haltung.

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