Das Blot

Peter Walthard 2002)

Die Religion der Germanen war eine Religion der Praxis. Als das Christentum in Skandinavien Fuss faste, nannte man das verdrängte Heidentum nicht etwa „der alte Glaube“, sondern „die alte Sitte, der alte Brauch“. Zwar gab es zahlreiche schillernde Mythen über die Götter, eine eigentliche Theologie oder gar ein religiöses Dogma waren hingegen ebenso unbekannt wie esoterische Einweihungswege und Mysterien.

Alles, was wir über das vorchristliche Skandinavien wissen, lässt keinen Zweifel daran, dass der Kult die wichtigste, wenn nicht gar die einzige Form der Religionsausübung war.
Dabei ging es weniger darum, die Götter in Demut zu verehren, als vielmehr um handfeste Anliegen. Den Elben, Disen und Göttern wurden Opfer um eine gutes Jahr, um Sieg oder um Frieden und Fruchtbarkeit gebracht.

Das nordische Wort für eine solche Kulthandlung war „Blót“, das Verb dazu hiess „blóta“. Die althochdeutsche Form des Wortes ist Pluostar, das Verb dazu hiess pluozan. Interessant ist die Grammatik des Verbs: So pluozt man nicht „dem Gott ein Pferd“, sondern pluozt „das Gott mittels eines Pferdes“. Das Wort Pluostar selbst ist mit dem heutigen „plustern“ verwandt. Es geht also darum, die heilige Kraft, die man als Gott verehrt, durch die heilige Handlung zu vergrössern und zu stärken.

Geopfert wurde an bestimmten Tagen, namentlich im Herbst, im Frühling und zur Zeit der Wintersonnenwende. Zur Sommersonnenwende fand schliesslich das Thing statt, das ebenfalls mit einem Opfer eingeleitet wurde.

Diese Rituale fanden an heiligen Orten statt. Dies waren meist stimmungsvolle Plätze von grosser Naturschönheit, etwa Wasserfälle, uralte Bäume, Moore, Schluchten oder Felsen. Die beeindruckende Naturkulisse hatte wohl den gleichen Effekt wie die prunkvolle Architektur der römischen Tempel - sie vermittelten den Feiernden ein Gefühl von der Macht und der Grösse der Götter, die sie verehrten. Eigene Tempelbauten gab es bei den Germanen hingegen nicht. Höchstens ein aufgerichteter Felsen, ein hölzerner Schrein oder ein Steinmann wurden für die rituelle Handlung errichtet. Opfer wurden in Quellen, Seen und Sumpfaugen geworfen oder an Bäume gehängt.

Für die Germanen, die oft weit voneinander entfernt verstreuten Siedlungen lebten, waren diese heiligen Feiern auch eine willkommene Gelegenheit, das Gemeinschaftsgefühl der Sippe und des Stammes zu geniessen. So gehörte zu jedem Blot ein mächtiges Fest. In der Heimskringla ist uns die Beschreibung eines solchen Festes überliefert.

„Zu solchem Opfergelage brachten die Bauern all ihre Bedürftnisse und Besonders Bier mit; alle Art von Vieh ward geschlachtet, auch Pferde; man sammelte das Blut in Gefässen, und mit Sprengwedeln wurden Estrich und die Wände des Opferhauses von aussen und von innen mit Blut bestrichen, im gleichen die Menschen damit besprengt; das Geschlachtete aber ward zur Kost gesotten. Das Feuer musste mitten auf dem Estrich des Hauses sein, die Kessel hingen darüber. und man reichte sich darüber hin die Vollbecher zu. Der aber dem Opfemahl vorstand, was immer ein Häuptling war, musste den Vollbecher und alle Opferkost einsegnen.“

Das Blut der geopferten Tiere, dass in Opfergefässen aufgefangen wurde, hiess „Hlaut“, was soviel wie Los bedeutet. Das Ritual dürfte uralt sein, erwähnt doch Strabo, dass die Kimbern und Teutonen gefangenen Legionären in einem schauerlichen Menschenopfer die Kehle durchschnitten, das Blut in grossen Kesseln auffingen und daraus weissagten. Zur Zeit der Wikinger waren Menschenopfer allerdings längst nicht mehr in Gebrauch. Bei den Alemannen scheint es üblich gewesen zu sein, das Opfergefäss mit Bier zu füllen, wie ein Bericht des Columban vermuten lässt. Ob Bier oder Blut, die Symbolik ist klar - beides symbolisiert die Lebenskraft, die durch das Ritual auf die Teilnehmenden und die Götter gleichermassen übergeht.

Zu einem germanischen Opferfest gehörte weiterhin das rituelle Trinken und das Schwören heiliger Eide sowie Prozessionen, Tänze und Maskenläufe.

Obwohl wir natürlich nie genau wissen werden, wie ein Blót genau aussah, haben wir doch genügend Informationen, um den groben Verlauf eines solchen Festes zu skizzieren:

1. Die Heiligung

Bevor das Fest beginnt, wird der Ort, an dem es abgehalten wird geweiht. So wurde aus einem Bauernhof für begrenzte Zeit ein Tempel, die rituelle Zeit wird von der profanen Zeit geschieden. Beim Thing geschah dies zum Beispiel durch Einhaselung der Thingstätte. Heute wird dies oft mit dem Hammerritus gemacht.

2. Das Pluostar

Im heiligen Hain wurde das Opfertier geschlachtet und das Blut im Opferkessel aufgefangen. Da die meisten Heiden heute Tieropfer ablehnen, fällt das Töten des Tieres weg. Das Blut kann aber durch Bier, Wein oder Met ersetzt werde. Man kann mit Runen beschriftete Loszweige in die Flüssigkeit tauchen und so „das Schicksal erforschen“. Der Wein wird anschliessend über die Teilnehmer versprengt und dann über einen Stein gegossen.

3. Das Sieden

Obwohl das Fleisch bei einem neuheidnischen Fest kaum mehr selbst geschlachtet ist, folgt auf das Pluostar dennoch das Kochen. Gefragt ist dabei natürlich Kesselfleisch aller Art, besonders Gulasch erfreut sich grösster Beliebtheit.

4. Das Weihen

Ist das Opfermahl gekocht, versammelt sich die Kultgemeinschaft um den Tisch. Der Gastgeber weiht die Speisen und das Bier mit dem Hammerzeichen.

5. Die Vollhörner

Bevor das grosse Speisen beginnt, bringt der Gastgeber einen Toast auf die drei wichtigsten Götter und die Ahnen der Sippe aus.

6. Hunsal

Nun wird gegessen. Da es sich um ein Festmahl zu Ehren der Götter handelt, sollte sich niemand beim Schmausen und Trinken zurückhalten. Bei gewissen Festen ist es üblich, einen Teil der Speisen für die Götter, Elben oder Ahnen ins Freie zu tragen.

7.Das Abtreten

Nach dem Essen wird die Tafel aufgehoben: Die Speisen werden vom Tisch entfernt. Dabei sollte man keinesfalls die Reste des heiligen Opfermahls in den Mülleimer werfen. Sie werden ins Freie gebracht und dort den unsichtbaren Gästen des Festes überlassen.

8.Das Sumbel

Auf das Essen folgt das „ernsthafte Trinken“. Dabei ist es gut, sich nach dem Essen erst etwas Zeit zur Entspannung und - wir leben schliesslich im 21. Jahrhundert - für einen Kaffee zu lassen. Beim anschliessenden Sumbel wird zuerst auf die Götter und Ahnen, dann auf eigene Erlebnisse und Zukunftspläne getrunken. Bei dieser Gelegenheit wurden oft heilige Eide geschworen. Nach dem Sumbel ist das Fest natürlich noch nicht zu Ende. Unter Umständen folgen weitere Trinkrunden zu zweit. Schon Tacitus berichtete übrigens, dass die Germanen bei ihren Festen erst in den frühen Morgenstunden zu Bette gehen...

9. Der Abschied

Wenn der alte Zustand der Festhalle wieder hergestellt ist, wird die Feier beendet. Die Umhaselung wird aufgehoben, Donar für seinen Schutz gedankt. Nun heisst es „wohl mögest Du fahren und heil wieder kommen.“


Siehe zum Thema auch die aktuellen Texte der Ritualbuch AG

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