Die Indoeuropäer

Kurt Oertel 2002

Die Begriffe "indogermanisch" bzw. indo-europäisch tauchen in der Fachliteratur häufig auf. Viele Interessierte haben aber nur verschwommene Vorstellungen von der genauen Bedeutung Begriffe. Hier werden nicht nur die historischen Hintergründe der Indoeuropäer selbst, sondern auch die sehr spannende Geschichte ihrer Entdeckung umfassend, aber allgemeinverständlich geschildert.
Im Jahre 1786 hielt Sir William Jones, renommierter Orientalist und zum damaligen Zeitpunkt oberster britischer Richter in Indien, vor der Royal Asiatic Society in Kalkutta einen folgenreichen Vortrag. Jones hatte sich als einer der ersten Europäer intensiv mit dem Sanskrit, der alten heiligen Sprache Indiens, beschäftigt und dabei die erstaunliche Entdeckung gemacht, dass das Altindische in Wortschatz und Grammatik größte Ähnlichkeit mit dem Lateinischen und Altgriechischen aufweist. Er erkannte ferner, dass diese Parallelen auch in den keltischen und germanischen Sprachen, sowie im Persischen nachweisbar sind. Jones zog daraus den naheliegenden Schluss, dass all diese Sprachen verwandt sein mussten.

Dass einige europäische Sprachen große Gemeinsamkeiten aufweisen, war natürlich schon früher aufgefallen. Jeder erkennt auf Anhieb die Ähnlichkeiten zwischen dem Italienischen, Spanischen und Französischen, und von jeher bestand kein Zweifel daran, dass diese Sprachen das Lateinische als gemeinsame Mutter haben mussten. Bereits 1610 veröffentlichte der französische Gelehrte Joseph Scaliger einen Vergleich der europäischen Wörter für "Gott" und markierte dadurch einige der wesentlichen Sprachgruppen Europas, nämlich das Romanische (lateinisch "deus", italienisch und spanisch "dio", französisch "dieu"), das Germanische (englisch und niederländisch "god", skandinavisch "gud"), das Slawische ("bog") und das Griechische ("theos"). Weitere Sprachen zog er nicht in seine Betrachtungen mit ein. Er bestritt auch jede mögliche weitere Verwandtschaft der genannten Sprachen. Die Ähnlichkeit zwischen dem lateinischen "deus" und dem griechischen "theos" entging ihm dabei genauso, wie die Tatsache, dass das iranische Wort für Gott ("bog") mit dem slawischen identisch ist. Die Existenz keltischer Sprachen scheint ihm überhaupt nicht bekannt gewesen zu sein.

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entdeckten etliche Wissenschaftler unabhängig voneinander weitere auffällige Ähnlichkeiten, aber alle beschränkten sich lediglich auf eher zufällig erkannte, gemeinsame Aspekte der europäischen Sprachen. Niemand ahnte bereits die ganze Tragweite dieser Entdeckung.

Da in jenen Tagen die biblischen Schriften auch für die Gelehrten eine unanfechtbare Autorität darstellten, führte man die Existenz der Völker und ihrer Sprachen mit einer heute nur schwer nachvollziehbaren Selbstverständlichkeit auf die Völkertafel des Alten Testamentes (1 Mose 10) zurück, wo die Abstammung der gesamten Menschheit auf Noahs drei Söhne Sem, Ham und Japhet zurückgeführt wird. Die Sprachwissenschaft der Neuzeit hat dem insofern Rechnung getragen, als sie die hebräisch-arabische Sprachfamilie "semitisch" und die ägyptisch-kussitischen Sprachen "hamitisch" genannt hat. Dass man die übrigen Sprachen der Welt aber nicht unter dem Begriff "japhetisch" zusammenfassen kann, das wurde schon bei den ersten ernsthaften Vergleichen klar.

Aber an genau diesem Punkt scheiterte noch unrühmlich der britische Arzt James Parsons, der 1767 einen erneuten sprachvergleichenden Vorstoß unternahm. Er verglich darin die Zahlwörter der ihm bekannten Sprachen, und deren Ähnlichkeit in bestimmten Fällen muss auch einem völligen Laien geradezu ins Auge springen. Nehmen wir z.B. die Zahl drei, die im Irischen, Russischen und im Indischen "tri" lautet, im Altgriechischen "treis", im Lateinischen "tres", im Niederländischen "drie", im Französischen "trois", im Litauischen "trys", im Albanischen, Schwedischen und Italienischen "tre".

Parsons schloss daraus auf eine gemeinsame Abstammung der Sprachen Europas, Indiens und Persiens, deren Ausgangspunkt er in Armenien ansetzte, weil Noahs Arche schließlich dort gestrandet war und seine Söhne (unter ihnen Japhet!), dort von Bord gegangen waren. Von dieser letzten Begründung einmal abgesehen, hätte Parsons mit seiner Erkenntnis durchaus zum Stammvater der modernen Sprachwissenschaft werden können, wenn im weiteren Verlauf des Buches nicht seine Phantasie völlig mit ihm durchgegangen wäre. Er zählte fälschlicherweise nicht nur das Ungarische, sondern auch die Eingeborenensprachen Nordamerikas zu dieser verwandten Sprachgruppe, versuchte außerdem, die entscheidenden sprachwissenschaftlichen Beweise mit Hilfe von Bibelzitaten zu führen und kam letztendlich zu dem bizarren Ergebnis, dass die Urform all jener "japhetischen" Sprachen das keltische Irisch gewesen sein müsse. Somit bleibt sein Werk trotz des hoffnungsvollen Ansatzes eine eher belächelte Kuriosität der Wissenschaftsgeschichte.

Der eingangs erwähnte William Jones war derjenige, dessen Erkenntnisse auch der neueren Forschung standhalten. Viel weiter, als zu der beschriebenen Erkenntnis gelangte allerdings auch er nicht. Das blieb dem Deutschen Franz Bopp vorbehalten, der 1816 detaillierte grammatische Vergleiche anstellte und diesen Erkenntnissen dadurch ein systematisches Fundament verschaffte, das zur Grundlage der modernen vergleichenden Sprachwissenschaft wurde.

Die Ergebnisse waren eine wissenschaftliche Sensation. Es stand nun nicht nur endgültig fest, dass alle europäischen Sprachen (mit Ausnahme des Baskischen, Ungarischen, Finnisch/Estischen und Maltesischen), wie auch die wichtigsten Sprachen Indiens und Persiens (damit auch das Kurdische, Afghanische und Armenische) einer einzigen, eng verwandten Sprachfamilie angehörten, sondern auch, dass sie alle auf eine gemeinsame Urform zurückgehen mussten. Für diese Sprachfamilie prägte man das Kunstwort "indogermanisch", und zwar ihrer extremsten geographischen Ausbreitung wegen. Die lag östlicherseits in Indien, westlicherseits in Island, wo heute noch eine altertümliche germanische Sprachform gesprochen wird. Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff "indogermanisch" bis heute gebräuchlich, und der entsprechende Zweig der Sprachwissenschaft heißt Indogermanistik. Im internationalen Sprachgebrauch aber hat sich die Bezeichnung "indoeuropäisch" eingebürgert, die auch wir im folgenden verwenden werden, da sie etwas weniger missverständlich ist. Denn der sprachwissenschaftliche Laie denkt bei dem Begriff "Indogermanen" wahrscheinlich zunächst, dass es sich hier um einen speziellen Stamm der Germanen handeln muss. Das aber ist, wie wir sehen werden, grundfalsch.

Die Entdeckung dieser Sprachverwandtschaft warf aber sofort die nächste Frage auf. Wenn sich all diese Sprachen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen ließen, dann muss es auch ein Volk gegeben haben, das diese Sprache gesprochen hat, eben die "Indoeuropäer", die damit - zumindest sprachlich - die direkten Vorfahren der Inder, Europäer, Perser usw. waren. Aber wann hatten sie gelebt, wo hatten sie gesessen, und in welcher Form war ihre Ausbreitung vonstatten gegangen?

Die nun fieberhaft einsetzende Suche nach der Urheimat der Indoeuropäer ist eines der spannendsten, aber auch kompliziertesten Kapitel der Wissenschaftsgeschichte, das eine buchstäblich unüberschaubare Menge von Literatur hervorgebracht hat. Wir können das Thema hier nur skizzenhaft anreißen. Vor allem dürfen wir dabei nicht vergessen, dass es sich um eine Entdeckung der Sprachwissenschaftler, und nicht etwa der Historiker oder Archäologen handelte. Das hat sich im wesentlichen bis heute nicht geändert, denn die archäologischen Spuren sind mehr als spärlich.

Allerdings gelang es der Sprachwissenschaft, ein erstaunlich anschauliches Bild von der Kultur der Indoeuropäer zu gewinnen. Wie kann so etwas nur mit Hilfe von Sprachforschung gelingen? Es ist einfacher, als man denkt. Man muss nur darauf kommen: wenn man z.B. in allen Einzelsprachen dasselbe Wort für Achse (lateinisch "axis", griechisch "axón", altindisch "aksah"), außerdem Rad (lateinisch "rota", litauisch "ratas", altindisch "rathas") und Nabe (altindisch "nabhis", baltisch "nabis") entdeckt, dazu das Wort für Joch (gotisch "jug", lateinisch "iugum", persisch "jug", altindisch "yugam") und Kuh (englisch "cow", altindisch "gauh", armenisch "kov"), dann lässt sich daraus problemlos ableiten, dass die Indoeuropäer bereits von Ochsen gezogene Wagen kannten. Wenn man Namen für die Dinge hat, kennt man auch die Dinge selbst.

Nicht in allen Fällen ist die Ableitung so einfach, wie in dem gezeigten Beispiel. Die Verfeinerung dieser Methode machte im Lauf der Jahrzehnte aber solche Fortschritte, dass es heute nicht nur Wörterbücher und Grammatiken dieser indoeuropäischen Ursprache gibt, sondern es hat sich auch folgendes Kulturbild unserer entfernten Vorfahren herausgeschält.

Sie waren ein Volk von Viehzüchtern, das aber auch schon einfachen Ackerbau kannte. Sie waren nicht richtig sesshaft, waren aber auch keine reinen Nomaden im heutigen Sinn des Wortes, aber doch so mobil, dass sie ihren Wohnort je nach Zustand der Weiden wechselten. Sie hatten eine patriarchalische Gesellschaftsform, lebten in Sippengemeinschaften, und die jungen unverheirateten Männer waren in kriegerischen Männerbünden organisiert, denen Ruhm im Kampf als höchstes Gut galt. Ihre Hauptwaffe war die sorgfältig bearbeitete steinerne Streitaxt. Dichtkunst, Musik und Gesang müssen in bereits gleichermaßen hohem Ansehen wie hoher Kunst gestanden haben. Auch der aus Honig gebraute Met muss sich schon großer Beliebtheit erfreut haben, denn das Wort findet sich durchgehend im Sprachschatz aller indoeuropäischen Völker.

Bei der Untersuchung späterer indoeuropäischer Gesellschaften, stieß man auf ein seltsames Phänomen. Überall entdeckte man eine Teilung in drei soziale Schichten: Priester, Krieger und freie Bauern. Keiner dieser drei Stände scheint ursprünglich höher als ein anderer angesehen worden zu sein, sondern das Modell wurde wohl als sinnvolle Aufgabenverteilung zur besseren Organisation der Gesellschaft betrachtet. Bei den Römern unterschied man zwischen "flamines" (Priestern), "milites" (Soldaten) und "quirites" (Bürgern). In seinen Berichten über den Gallischen Krieg beschreibt Caesar uns die soziale Dreiteilung der Kelten. Sie ist identisch: "druides" (Druiden), "equites" (berittene Kämpfer) und "plebes" (die Bauern). Bei den antiken Griechen finden wir dieselbe Aufteilung. Am einflussreichsten hat sich diese Modell in dem Kastensystem Indiens erhalten: die vier heute noch entscheidenden Kasten lassen sich bereits in den Veden, den ältesten heiligen Schriften Indiens, nachweisen: "brahmanas" (Priester), "ksatriyas" (Krieger) und "vaisyas" (Bauern und Viehzüchter). Die vierte Kaste der "sudras" bestand aus den Ureinwohnern, auf die die Indoeuropäer im Lande gestoßen waren. Die "pariyas" (Unberührbare) bilden im Gegensatz zur landläufigen Meinung keine eigene Kaste, sondern ihr geringer sozialer Status entsteht aus der Tatsache, dass sie gerade keiner Kaste angehören. Das spricht dafür, dass sie erst in sehr viel späterer Zeit nach Indien gelangt sind. Der Ausdruck "Kaste" ist dabei keine glückliche Übersetzung. Im Indischen benutzt man seit alters her den Begriff "varna" (Farbe). Das bezieht sich nicht etwa auf die Hautfarbe, sondern auf eine offenbar sehr alte Farbregelung bei der Kleidung. Das Weiß der Brahmanen ist auch bei den altrömischen "flamines" und den keltischen Druiden nachweisbar. Diese Dreiteilung besteht noch das ganze europäische Mittelalter hindurch (Klerus, Ritter, Bauern), bis Martin Luther sie in der Neuzeit auf die griffige Formel "Lehrstand, Wehrstand, Nährstand" gebracht hat. Wenn wir diese Dreiteilung bis vor kurzem noch als völlig normal oder nicht weiter bemerkenswert empfanden, beweist das nur, wie tief indoeuropäisches Denken noch in uns nachwirkt. Diese Dreiteilung muss sich offensichtlich bereits bei den frühen Indoeuropäern gefunden haben.

Dass sich die enge Verwandtschaft nicht nur auf die rein sprachliche Seite beschränkt, sondern sich auch an sozialen Einrichtungen ablesen lässt, machen z.B. die engen inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen den frühen indischen Gesetzestexten und dem keltischen Recht klar, das in Form der sogenannten "Brehon Laws" erstmals im 7. und 8. Jahrhundert n.Chr. in Irland aufgezeichnet wurde. Wenn man den zeitlichen und räumlichen Abstand beider Quellen bedenkt, wirft das ein bezeichnendes Licht auf die Exaktheit und das Traditionsbewusstsein mündlicher Überlieferungstechniken früherer Jahrhunderte, von denen wir uns in Zeiten heutiger schriftlicher Verfügbarkeit jeder Information kaum noch ein Bild machen können. So wurde es z.B. als Zeichen des Niedergangs empfunden, dass der Gesetzessprecher in der isländischen Kolonie auf Grönland "nur" noch zwei Tage brauchte, um alle Gesetze aus dem Kopf vortragen zu können, während man sich doch daran erinnerte, dass derselbe Vortrag auf Island selbst noch drei Tage gedauert hatte. Auch von den keltischen Druiden wird berichtet, dass das Erlernen aller nötigen Fähigkeiten zwanzig Jahre dauerte und ausschließlich auf mündlicher Weitergabe beruhte, was eine ungeheure Gedächtnisleistung vorausgesetzt haben muss.

Die wichtigste und entscheidendste kulturelle Leistung der Indoeuropäer aber scheint die Zähmung des Pferdes gewesen zu sein. Das Pferd war zwar in ganz Europa als jagdbares Wild bekannt und geschätzt, aber kein anderes Volk war vorher auf die Idee gekommen, sich seiner Fähigkeiten zu bedienen. Noch bis vor kurzem war man sich weitgehend einig darüber, dass dies das Verdienst der Indoeuropäer war. Neueste Forschungsergebnisse stellen das zwar wieder vereinzelt in Frage, und es scheint Hinweise darauf zu geben, dass die iberische Halbinsel der Ort war, wo Pferde erstmals genutzt wurden. Aber selbst, wenn sie nicht die ersten waren, die das Pferd domestizierten, so scheint doch der militärische Einsatz und die Verbreitung des domestizierten Pferdes auf die Indoeuropäer zurückzugehen. Und wir wissen, dass das Pferd bei ihnen eine fast religiöse Verehrung genoss. Die heute noch geläufige Anschauung von dem Pferd als edlem und verehrungswürdigem Tier ist ein direktes Erbe der alten Indoeuropäer. Ob sie die Pferde bereits reiten konnten, ist nicht sicher. Aber wir wissen, dass sie sie vor ihre leichten und schnellen zweirädrigen Streitwagen spannten (eine weitere Erfindung der Indoeuropäer), was ihnen eine enorme Beweglichkeit und Überlegenheit sicherte. Wo immer in den folgenden Jahrhunderten erstmals der Streitwagen auftauchte, waren es Indoeuropäer, die ihn lenkten - auch im Alten Orient.

Ob sie die Bronze oder zumindest das Kupfer schon gekannt haben, ist zweifelhaft. Auf keinen Fall waren sie bereits in der Lage, dieses Metall zu bearbeiten (denn fast jede indoeuropäische Sprache hat ein anderes Wort für Schmied). Das Eisen kannten sie mit Sicherheit noch nicht. Genau dieser Umstand versetzt uns in die Lage, den Zeitpunkt der Trennung in verschiedene Einzelsprachen halbwegs genau zu bestimmen, denn über den Beginn der Bronze- und Eisenzeit in den einzelnen Gegenden sind wir gut informiert. Ganz grob lässt sich sagen, dass die Indoeuropäer ungefähr gegen 3000 v.Chr. in Bewegung geraten sein müssen.

Aber von wo waren sie aufgebrochen? All diese faszinierenden Erkenntnisse brachten schließlich noch keinen endgültigen Aufschluss über die Lage ihrer Urheimat. Mit derselben vergleichenden sprachwissenschaftlichen Methode begann man deshalb nun, die Begriffe für deren Umwelt zu untersuchen. Welche Bäume, welche Tiere kannten sie? Hatten sie Begriffe für Sommer und Winter, Gebirge, Meer, Wüste, Schnee, Sumpf und See?

Als Ergebnis konnte man etliche Gegenden Europas und Asiens bereits ausschließen. Als gutes Beispiel für die Schwierigkeit solcher Untersuchungen sei hier das bekannte Buchenargument aufgeführt: in fünf indoeuropäischen Sprachgruppen lässt sich dasselbe Wort für "Buche" nachweisen. Da dieser Baum aber nur westlich einer Nord-Süd-Linie zwischen Kaliningrad und der Krim existiert, schien das ein klares Argument dafür zu sein, dass die Indoeuropäer nur westlich dieser Linie gelebt haben konnten. Das Problem dabei ist aber, dass wir nicht mit Sicherheit wissen können, ob die botanische Bezeichnung denselben Baum meinte, den wir heute als Buche kennen. Denn selbst wir bezeichnen ja schon zwei völlig verschiedene Bäume mit diesem Wort: die mit der Eiche verwandte Rotbuche und die mit der Erle verwandte Hainbuche. Erst vor kurzem ist der Nachweis erbracht worden, dass es sich in diesem Fall nicht um ein gemeinindoeuropäisches Wort handelt, sondern dass erst die westwärts wandernden Stämme das Wort prägten.

Und man verfiel noch auf eine andere scharfsinnige Methode. Es ist eine alte Erfahrung, dass Völker unterschiedlicher Sprache, die aber in enger Nachbarschaft leben, Wörter aus der Sprache des jeweils anderen Volkes übernehmen. Man spricht in diesem Fall von Entlehnungen bzw. Lehnwörtern. So hat z.B. das Deutsche im frühen Mittelalter zahlreiche lateinische Wörter übernommen, deren Herkunft den meisten von uns kaum noch bewusst ist und die aucvh nicht mehr als Fremdwörter wahrgenommen werden (Pfeil, Keller, Fenster u.v.a.). Heute gelangen entsprechend viele englische Wörter ins Deutsche, sehr zum Ärger mancher Zeitgenossen. Das ist aber ein völlig normaler Prozess, der nicht steuerbar ist, und der auch nicht durch Gesetzgebungen verhindert werden kann, wie man es seit einiger Zeit in Frankreich versucht. Diese Entlehnungen hat es zu allen Zeiten und in allen Sprachen gegeben. Sie geben dem Sprachwissenschaftler nicht nur wertvolle Aufschlüsse über die mögliche Nachbarschaft alter Völker, sondern auch über die Ausbreitung technischer Kenntnisse. Wenn man z.B. nachweisen kann, dass Volk A den Begriff für Eisen von Volk B übernommen hat, kann man daraus gleichzeitig ableiten, dass Volk A die Eisenverarbeitung vorher überhaupt nicht kannte, denn sonst hätten sie es nicht nötig gehabt, auch das Wort selbst zu übernehmen. Man untersuchte also all jene Sprachen, die als mögliche Kandidaten für eine frühe Nachbarschaft mit den Indoeuropäern in Frage kamen: die semitischen, kaukasischen, uralischen und finnischen Sprachen, alles solch eigenständige Sprachfamilien wie das Indoeuropäische. Und man wurde fündig, man entdeckte tatsächlich die erhofften Entlehnungen, die zusätzliches Licht auf Herkunft und Ausbreitungsweg der Indoeuropäer warfen.

Als Ergebnis all dieser Forschungen kristallisierte sich heraus, dass die ursprüngliche Heimat der Indoeuropäer irgendwo in dem weiten Gebiet zwischen der südöstlichen Ostsee und dem Schwarzen Meer gelegen haben muss. Ob nun etwas mehr in der einen oder anderen Richtung, darüber entbrennen bis zum heutigen Tag heftige Diskussionen. Die Beweislage wird umso schwieriger, je kleiner man das vermutete Ursprungsgebiet annimmt. Es spricht deshalb einiges dafür, dass das Indoeuropäische sich nicht von einem kleinen Zentrum ausgebreitet, sondern allmählich in einem größeren Gebiet herausgebildet hat. Auch das östliche Mitteleuropa ist als Herkunftsgebiet nicht völlig auszuschließen. Die Gewässer- und Bergnamen dieser Gegenden sind nämlich ausschließlich indoeuropäischen Ursprungs. Da solche Flurnamen (Toponyme) außerordentlich zäh anhaften und erfahrungsgemäß auch von neuen Einwanderern immer übernommen werden, spricht viel dafür, dass die ersten sesshaften (!) Bewohner Ostmitteleuropas Indoeuropäer waren. Obwohl dieses Argument schwer wiegt, sind sich die meisten Forscher aber dennoch in einer östlicheren Zuordnung einig. Als Favorit gelten weiterhin die weiten osteuropäischen Gebiete Südrusslands und der Ukraine, sowie die nördlichen Teile des Kaukasus.
Nicht mehr haltbar ist die Theorie der norddeutschen Tiefebene als Ursprungsgebiet, die in den dreißiger Jahren als unumstößliche Wahrheit propagiert wurde. Wäre nämlich Norddeutschland jene geheimnisvolle Urheimat, und wären die Germanen die direktesten Nachfahren der Ur-Indoeuropäer, dann müssten die germanischen Sprachen noch die größte Ähnlichkeit mit der ältesten erschlossenen Sprachstufe des Indoeuropäischen haben. Genau das Gegenteil ist aber der Fall, was beweist, dass gerade die Germanen einen langen und wohl komplizierten Entwicklungsweg hinter sich haben.

Zu naheliegend war aber gerade für die braunen Machthaber die Gleichsetzung von Indoeuropäern und "Urgermanen", die vom Norden her den Rest der Welt durchströmten und sich als "arische" Kulturbringer betätigten. Und damit sind wir nun bei einem Begriff angelangt, der einer dringenden Klärung bedarf: den Ariern.

Diesen Begriff haben die Nationalsozialisten nicht erfunden, sondern lediglich aufgenommen und völlig falsch benutzt. Die Klärung an dieser Stelle wäre nicht nötig, wenn der Begriff mit dem Ende des Dritten Reiches ausgestorben wäre. Aber die Sprachwissenschaftler haben sich diesen Begriff nicht von den Rechten aus der Hand schlagen lassen, sondern ihn mutig verteidigt, da er eine wichtige Rolle spielt. Er wird bis heute ganz unbefangen benutzt, und jeder Student der Indogermanistik lernt im ersten Semester, was es damit auf sich hat.

Jene indoeuropäischen Stämme, die gegen ca. 1500 v.Chr. im Norden Indiens und Persien erschienen, nannten sich selbst "Aryas" (die Edlen, Vornehmen, Gastfreien), um sich von der einheimischen Urbevölkerung abzusetzen. Das Wort Iran (ursprünglich "Ayran") bedeutet nichts anderes als "Land der Arier". Und es spricht viel dafür, dass die keltische Bezeichnung "Eire" (früher: "Erin") für Irland, sowie der Name der Armenier ebenso wie das Wort Aristokratie (Herrschaft der Vornehmen) und der Name der keltischen Göttin "Arianrhod" auf dieselbe Wurzel zurückgeht. Sogar in einer frühen schwedischen Runeninschrift findet sich noch der Begriff "ariostR" (Edler). Es handelt sich also um eine Selbstbezeichnung eines Teiles der indoeuropäischen Völker, die genauso von den anderen Völkern Persiens und Indiens auf die Indoeuropäer angewandt wurde. Deshalb bezeichnet die Sprachwissenschaft jene Sprachgruppe der Indoeuropäer, aus der sich die indischen, kurdischen, afghanischen und iranischen Sprachen und Dialekte entwickelt haben, als indo-arisch.

Es kann gar nicht genug betont werden, dass es sich hier um einen rein sprachwissenschaftlichen Begriff handelt, der nichts, aber auch nicht das Geringste, mit "Rasse", Volk oder Hautfarbe zu tun hat. Indoeuropäer bzw. Arier bezeichnet lediglich ein Individuum, das mit einer indoeuropäischen bzw. arischen Muttersprache aufgewachsen ist. Im 19. Jahrhundert aber war es zu einer unheilvollen Verquickung der Begriffe Sprache und Volk bzw. "Rasse" gekommen. Und diesen falschen Sachverhalt haben die nationalsozialistischen Rassefanatiker noch böswilliger entstellt. Sie bezeichneten plötzlich ausgerechnet die Nordeuropäer als Arier und setzten den Begriff auch noch mit einem äußeren Erscheinungsbild gleich - blond und blauäugig. Sie haben diesen verhängnisvollen Irrtum zwar nicht erfunden, aber ihn zur herrschenden Lehrmeinung ihrer Ideologie gemacht. Dabei verkannten sie nicht nur völlig, dass die einzige in Europa lebende Völkerschaft, die sich zu Recht "arisch" nennen darf, die Sinti und Roma sind (da sie immer noch ihre nordindische Heimatsprache sprechen). Sie übersahen auch, dass die Bezeichnung "indoeuropäisch" bzw. "indogermanisch" genauso auf einen Schwarzen aus Los Angeles wie auf einen norwegischen Bauern zutrifft und mit demselben Recht auf einen mit dem Jiddischen aufgewachsenen polnischen Juden, denn das Jiddische ist ein relativ ursprünglicher mittelhochdeutscher Dialekt, der so gesehen ein "reineres" und ursprünglicheres Deutsch darstellt, als die Sprache Goethes. Es handelt sich eben um einen rein sprachwissenschaftlichen Begriff, und deshalb dürfen wir ihn in diesem Sinne auch weiterhin unvoreingenommen benutzen.

Eine eher kuriose Episode am Rande dieses Themas war die Eingebung des PKK-Führers Öcalan Mitte der 90er Jahre, in Deutschland das "Ariertum" der Kurden (was sachlich völlig korrekt ist) propagandistisch stärker zu betonen, um gerade bei der deutschen Bevölkerung größere Sympathien für die kurdische Sache zu wecken. Erst als ihm Deutschlandkenner klarmachten, dass ausgerechnet die typisch deutschen Unterstützergruppen dieser Idee aus grundlegendem Mangel an Sachkenntnis mit völliger Verständnislosigkeit begegnen würden, wurde der leicht skurrile Plan wieder aufgegeben.

In diesem Zusammenhang sollte auch der Begriff "semitisch" geklärt werden, den die Nazis genauso sinnentstellt benutzt haben. Das Semitische ist eine ebensolche Sprachfamilie wie das Indoeuropäische. Vom Ägyptischen und Sumerischen abgesehen, gehörten fast alle Sprachen des Alten Orients dieser Sprachfamilie an. Wohlgemerkt, auch hier handelt es sich um einen rein sprachwissenschaftlichen Begriff, der abermals nicht das geringste mit Volk, "Rasse" oder Hautfarbe zu tun hat. Die heutigen semitischen Sprachen umfassen das Arabische mit all seinen Dialektausformungen, das eng verwandte Hebräisch und sogar eine europäische Sprache, das Maltesische, das auf die arabische Präsenz im mittelalterlichen Malta zurückgeht.

Was aber tat die manipulative Machtmaschine der Nazis? Sie setzte den Begriff "semitisch" mit "jüdisch" gleich, so wie sie "arisch" mit "germanisch" gleichgesetzt hatte. Auch das haben die Nazis zwar nicht erfunden, aber ebenfalls sprachlich zementiert. Dem Wissenschaftler sträuben sich dabei alle Haare, denn "semitisch" ist ein sprachwissenschaftlicher, "jüdisch" aber ein religionswissenschaftlicher Begriff. Beides hat nicht das geringste miteinander zu tun. Wenn z.B. ein deutscher Christ zum mosaischen Glauben übertritt, wird er zwar über Nacht zum Juden, dadurch aber noch lange nicht zum Semiten. Und auch ein Jude ist nur dann Semit, wenn das Hebräische tatsächlich seine Muttersprache ist (was nur in Israel der Fall sein dürfte).

Auch die perfide Methode der Nazis, hierzulande zwischen "Deutschen und Juden" zu unterscheiden, ist hochgradig unsinnig. Nach dieser Logik müsste man hierzulande nämlich auch genauso zwischen "Deutschen und Katholiken" unterscheiden. In diesem Fall sieht jeder sofort die Absurdität der Unterscheidung, da die Staatsbürgerschaft bzw. die Muttersprache (deutsch) nichts mit der Religionszugehörigkeit (katholisch oder jüdisch) zu tun hat. Im ersteren Fall dürfte man also höchstens zwischen "Christen und Juden", nicht aber zwischen "Deutschen und Juden" unterscheiden, denn diese Juden hatten nicht nur dieselbe deutsche Staatsbürgerschaft, sondern waren auch mit derselben Muttersprache wie ihre christlichen Mitbürger aufgewachsen.

Diese Unterscheidungen sind keineswegs Haarspalterei, sondern von enormer Wichtigkeit. Wärend das Wort "Arier" verständlicherweise aus dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch verschwunden ist (übrigens im Gegensatz zu allen anderen Sprachen, wo der Begriff nach wie vor unbefangen im korrekten Wortsinn verwendet wird, was bei deutschen Linken stets zu gehöriger Irritation führt), wird der Begriff "semitisch" leider immer noch im Sinne der Nazis verwendet, wie der Ausdruck "antisemitisch" beweist. Menschen, auf die diese Bezeichnung angewandt wird, haben in der Regel aber nicht das geringste gegen Semiten, sondern schlimmstenfalls gegen Juden. Zwar unterscheidet man wissenschaftlich zwischen "antisemitisch" (rassistische Vorurteile) und "antijudaistisch" (religiöse Vorurteile), aber genau diese Unterscheidung ist nun gerade bei denen nicht angekommen, um die es hier geht. Betrüblich stimmt nämlich vor allem, dass gerade aufrechte und angeblich "antifaschistisch" gesinnte Zeitgenossen die Unterscheidung zwischen "Deutschen und Juden" während des Dritten Reiches sprachlich immer noch gedankenlos vollziehen, ohne zu merken, wie sehr sie ausgerechnet dadurch rassistische und rechtsradikale Denkmuster fortführen. Derartige Dummheit muss man zwar leider bei gewissen kleinen, aber politisch lautstarken Gruppen (sowohl linker wie rechter Indoktrination) voraussetzen, bei seriösen Veröffentlichungen oder Fernsehdokumentationen zum Thema fällt sie aber sehr unangenehm auf. Immerhin hat man sich im politischen Tagesgeschäft schon zu der Formulierung "Mitbürger jüdischen Glaubens" durchgerungen. Aber auch in dieser Formulierung schwingt unterschwellig immer noch die Distanzierung zu "Deutschen" mit. Zumindest wäre die analoge Formulierung "Mitbürger evangelischen Glaubens" als Bezeichnung einer "ethnischen" Gruppe ziemlich unmöglich. In neuerer Zeit ist die Unterscheidung zwischen Serben und Muslimen im ehemaligen Jugoslawien aus genau denselben Gründen ebenso absurd.

Nach diesem düsteren, aber leider höchst notwendigen Exkurs wollen wir endlich wieder auf die Indoeuropäer selbst zurückkommen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war man überzeugt, die indoeuropäische Sprachfamilie hinreichend zu kennen. Die nahe Zukunft sollte aber noch eine große Überraschung bereithalten. Im Jahre 1906 grub der deutsche Archäologe Hugo Winckler in einigen Ruinenhügeln bei dem winzigen Dorf Boghazköy im anatolischen Hochland herum und stieß dabei auf ein riesiges Archiv in Keilschrift verfasster Tontafeln mit einer bislang unbekannten Sprache, deren Entzifferung kurz darauf dem Tschechen Friedrich Hrozný gelang. Die Tafeln gaben Aufschluss über das sagenhafte Volk der Hethiter, das man vorher nur aus vereinzelten Bemerkungen der Bibel gekannt hatte. Seit kurzem wusste man zwar aus ägyptischen Funden, dass die Hethiter über Jahrhunderte das mächtigste Reich im Nahen Osten gebildet hatten. Aber wer diese Hethiter waren, und wo ihre Hauptstadt Hattuscha gelegen hatte, wusste bis dahin niemand zu sagen. Diese Hauptstadt hatte Winckler durch seine Grabungen entdeckt, und er war auf Anhieb auf das Palastarchiv gestoßen.

Die Überraschung war groß, dass das Reich der Hethiter so weit nördlich im türkischen Hochland gelegen hatte. Man hatte es überall anders vermutet, nur nicht dort. Die größte Sensation aber war, dass die Sprache der Hethiter sich als reinstes indoeuropäisch entpuppte. Das Hethitische war damit die früheste, schriftlich belegte indoeuropäische Sprache. Die Sensation bestand aber nicht nur in der Entdeckung dieses Sachverhaltes, sondern auch in der Erkenntnis, dass indoeuropäische Völker in der Geschichte des Alten Orients offenbar kräftig mitgemischt hatten. Zuvor war man mit einer großen Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass es zwischen der Welt der Indoeuropäer und der hauptsächlich semitischen Welt des Alten Orients in so früher Zeit keinerlei Berührungspunkte gegeben hatte, dass beide Sprachfamilien wie in einem Vakuum nebeneinander existiert hatten. In dieser Frage musste man nun zutiefst umdenken.

Die bald darauf erfolgte Entdeckung der Hurriter und vor allem die Tatsache, dass Indoeuropäer auch bei deren Auftauchen im Alten Orient offensichtlich eine entscheidende Rolle gespielt hatten, war die nächste Überraschung.

Inzwischen sind auch die indischen Völker nicht mehr der östlichste Zweig der Indoeuropäer, sondern die Tocharer, ein Volk, von dem man nicht viel mehr weiß, als dass es eben auch dieser Sprachfamilie angehörte. Ihre Existenz und Sprache ist uns hauptsächlich aus buddhistischen Schriftquellen des 6. bis 8. Jahrhunderts n.Chr. bekannt. Sie waren entlang der Seidenstraße immerhin bis in die chinesischen Grenzgebiete vorgedrungen.

Die wissenschaftliche Entdeckung der Indoeuropäer ist ein Musterbeispiel dafür, was die Sprachwissenschaft in ihren Sternstunden zu leisten vermag. Herkunft und erstaunliche Details ihres kulturellen Lebens und sogar der Zeitpunkt ihres Zerfalls in Einzelsprachen konnte sehr zuverlässig erschlossen werden. Welche Routen die Indoeuropäer aber gezogen waren und wann genau sie in all den Ländern auftauchten, wo man sie heute noch vorfindet, das war mit sprachwissenschaftlichen Methoden allein nicht zu ermitteln. Diese Antworten erhoffte man sich nun von der Archäologie. Die Gründe, weshalb die Sprachwissenschaftler in dieser Frage überhaupt nicht und die Archäologen nur sehr schleppend vorwärtskamen, sind identisch: wir müssen bedenken, dass wir uns tief in der Frühgeschichte Europas befinden, also in einer Zeit, in der die Schrift noch völlig unbekannt war. Wenn aber keine Schriftfunde vorliegen (oder wenn man sie nicht entziffern kann), lässt sich eben nicht sagen, welche Sprache das Volk gesprochen hat, dessen Hinterlassenschaften man gerade untersucht. Natürlich kann die Archäologie auch bei schriftlosen Völkern eine große Zahl unterschiedlicher Kulturen dingfest machen. Anlage der Siedlungen, Bestattungssitten, typische Eigenheiten bei Schmuck, Waffen, Werkzeugen und vor allem bei der Keramik ermöglichen meistens eine klare Zuordnung zu bestimmten Kulturkreisen. Aber über die Sprache dieser Menschen sagt uns all das nichts. Und genau darum geht es in diesem Fall ja. Aber die Sache war nicht völlig hoffnungslos.

Die Archäologen richteten ihr Augenmerk deshalb verstärkt auf Anzeichen für einen kulturellen Wechsel, der als Indiz für das Einwandern einer neuen Bevölkerungsgruppe dienen konnte. Den fraglichen Zeitraum glaubte man auf die Zeit von ungefähr 2500 bis 1500 v.Chr. eingrenzen zu können. Zudem hatte die Sprachwissenschaft ja bereits einige kulturelle Eigenheiten der Indoeuropäer herausgearbeitet, die sich durchaus in archäologischen Spuren hätten niederschlagen können. Wir erinnern uns an die steinerne Streitaxt, das gezähmte Pferd und den Streitwagen.

Im östlichen und vor allem nördlichen Europa schienen nun tatsächlich einige verheißungsvolle Spuren aufzutauchen. Es war offensichtlich, dass in den Küstenregionen der Nord- und Ostsee in der Zeit zwichen ca. 4000 und 2000 v.Chr. Menschen gesiedelt hatten, denen wir die sogenannten Hünengräber verdanken. Aber nicht nur dort. Diese charakteristischen Großsteingräber, in denen ganze Generationen bestattet wurden, finden sich entlang der gesamten europäischen Atlantikküste bis in den Mittelmeerraum und nach Palästina hinein. Aus der Verwendung großer Findlinge bzw. Natursteinblöcke schloss man nun auf ein geheimnisvolles weiteres Volk, dem man gleichermaßen diese riesigen Grabanlagen, den Steinkreis von Stonehenge, die Menhiren von Carnac in der Bretagne und die großartigen Tempel auf Malta zuschrieb. Darüber hinaus blieb das Wissen über die Erbauer sehr spärlich. Lediglich die Erkenntnis, dass sie sesshafte Ackerbauern gewesen sein müssen, glaubte man mit gewissem Recht postulieren zu können. Da ihre Kultbauten ausschließlich aus riesigen Natursteinblöcken bestanden, fasste man dieses Volk unter dem Begriff Megalithiker (von griechisch "Megalithos" = großer Stein) zusammen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man nun entdeckt zu haben, dass diese "Megalithkultur" in Norddeutschland und Skandinavien um 2000 v.Chr. von einer gänzlich anderen Kultur durchdrungen wurde. Während die Megalithiker ihre Toten in Rückenlage in aufwendig errichteten Grabhäusern bestattet hatten, setzte sich nun die Bestattung in Einzelgräbern durch. Die Verstorbenen liegen auf der Seite in Hockerlage, d.h. mit angezogenen Knien. Die Skelette sind von deutlich anderem Typ. Während die Megalithiker einen breiten, fast quadratischen Schädel hatten, besaßen die Neuankömmlinge eine extrem schmale und lange Kopfform. Als Grabbeigaben fand man in vielen Fällen eine sorgfältig und fein gearbeitete steinerne Axt, die kaum als Werkzeug zum Fällen von Bäumen, wohl aber als Waffe im Nahkampf verwendbar war. Dieser Grabbefund schien so regelmäßig, dass schon früh der Begriff "Streitaxtleute" geprägt wurde. Es schien kaum einen Zweifel zu geben, dass die Indoeuropäer damit auch archäologisch nachgewiesen waren. Spuren des Streitwagens fanden sich in Nordeuropa nicht, aber das hatte einen einleuchtenden Grund. Der Streitwagen funktionierte nur in weiten Ebenen und offenen Steppen. In den waldreichen Gebieten Nordeuropas wurde er als Waffe offensichtlich früh aufgegeben, obwohl Nordeuropa keineswegs dem Klischee des undurchdringlichen, sumpfigen Urwaldes entsprach, dem auch Tacitus noch anhängt. Die Kelten z.B. benutzten den Streitwagen noch bis in das 2. Jahrhundert v.Chr. In Norddeutschland, Dänemark und Südschweden verschmolzen die Indoeuropäer angeblich mit den Megalithikern zu einem neuen Volk, das sich im folgenden ungestört von weiteren Zuwanderungen weiterentwickelt haben sollte und erst 2000 Jahre später mit einem Paukenschlag unter dem Namen Germanen wieder die Bühne der Weltgeschichte betrat.

Diese Theorie der Verschmelzung von Megalithikern und Ur-Indoeuropäern zu dem Volk der Germanen war fast das ganze 20. Jahrhundert hindurch anerkannte Lehrmeinung und wird auch heute noch in vielen Veröffentlichungen so dargestellt. Der einzige Schönheitsfehler daran ist, dass sie in ihrer Simplizität nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Es wäre ja auch zu schön gewesen.

Zunächst einmal musste man Abstand davon nehmen, die "Megalithiker" als EIN Volk zu sehen. Es stellte sich als unmöglich heraus, die Megalithgräber einer bestimmten Kultur zuzuordnen. Dazu ist sowohl ihre räumliche Verbreitung wie auch ihre zeitliche Einordnung viel zu groß. Sie decken sich auch weder zeitlich noch räumlich mit siedlungsarchäologisch nachgewiesenen Kulturen. Es gibt zwar archäologische Zeichen dafür, dass sich die Mode megalithischer Grabbauten vom Mittelmeerraum entlang der Atlantikküste bis nach Nordeuropa ausgebreitet hat, aber damit darf man nicht zwangsläufig die großflächige Wanderung eines ganz bestimmten Volkes verbinden. Es muss sich vielmehr um eine Bestattungsart gehandelt haben, die letztlich genauso kulturübergreifend gewesen sein muss, wie die Praxis der Erdbestattung oder Einäscherung, die an sich genauso wenig über bestimmte religiöse Vorstellungen sagt oder auf ein bestimmtes Volk reduziert werden kann. Die meisten Megalithbauten haben außer dem Baumaterial selbst auch keinerlei stilistische Übereinstimmungen. So gibt es z.B. nicht die geringsten Ähnlichkeiten zwischen einem norddeutschen Hünengrab, den kilometerlangen Steinreihen der Bretagne, den Tempeln Maltas, dem irischen Newgrange und dem britischen Stonehenge. Und was die Entstehung der Germanen betrifft, wie sie uns in historischer Zeit entgegentreten, haben gerade die letzten zwanzig Jahre ein radikales Umdenken der Forschung und eine Verlagerung dieses Prozesses in weitaus jüngere Zeiten erbracht.

Im südlichen Mitteleuropa und auf dem Balkan ist die Spur der Indoeuropäer ebenfalls äußerst schwierig zu verfolgen, da sich in diesen Gebieten sehr viel mehr verschiedene Kulturen überlagert und überschnitten hatten. Diese Gegenden waren immer schon Durchzugsgebiet und Schmelztiegel gewesen. In Süddeutschland, vor allem an Mittelrhein und Donau, glaubt man indoeuropäische Kulturen ab 1800 v.Chr. nachweisen zu können. In Süddeutschland entwickelten sich die späteren Kelten, und von hier ging auch ab 1200 v.Chr. die indoeuropäische Besiedlung Italiens aus, die später zur Gründung des Römischen Reichs führen sollte. Zu der ersten Ankunft indoeuropäischer Stämme in Süddeutschland und vor allem auf dem Balkan gibt es allerdings noch viele ungelöste Fragen.
Zwei weitere Gruppen treten erst sehr spät in das Licht der Geschichte. Die Slawen und Balten. Von allen Indoeuropäern scheinen sich die Slawen am wenigsten von dem alten Ursprungsgebiet entfernt zu haben. Ihre Sprachentwicklung aber zeigt, dass sie vielfältigen Einflüssen anderer Völker ausgesetzt waren. Sie müssen noch lange Kontakt mit iranischen Sprachgruppen gehabt haben. Geschichtlich werden sie erst im frühen Mittelalter fassbar, als sie in die Räume Ost- und Mitteleuropas nachstoßen, in denen durch Abzug der Ostgermanen in der Völkerwanderungszeit ein Vakuum entstanden ist.

Auf die Balten stößt man noch später, nämlich erst zu Zeiten der Ostkolonisierung durch den Deutschen Orden im 12. Jahrhundert n.Chr. Sie sind offensichtlich schon sehr früh in ihre jetzigen Wohnsitze gelangt und danach von allen Veränderungen der Weltgeschichte unberührt geblieben. Dafür spricht vor allem, dass das Litauische die urtümlichste indoeuropäische Sprache der Gegenwart ist. Obwohl man weiß, dass sie sich über einen gewissen Zeitraum zusammen mit dem Germanischen entwickelt haben muss, weist sie in Wortform, Lautstand und Grammatik noch die größten Ähnlichkeiten mit dem Ur-Indoeuropäischen auf, sogar noch mehr, als das höchst altertümliche Sanskrit.

Etwas besser sind wir über die Verhältnisse in Griechenland informiert. Spätestens ab 1800 v.Chr. lässt sich die indoeuropäische Einwanderung nachweisen, und in diesem Fall spielen auch die Streitwagen eine wichtige Rolle. Der Stamm der Achäer errichtet das Reich von Mykene, von dem uns die Lieder des Homer so anschaulich berichten. Obwohl sie erst später aufgezeichnet wurden, spielen die Geschehnisse der Ilias und Odysse vor dem Hintergrund der mykenischen Welt. Aber ab 1200 v.Chr. drängen andere, ebenfalls indoeuropäische Stämme von Norden nach. Es sind die Thraker und Illyrer, die sich auf dem Balkan festsetzen und bis zur Mittelmeerküste vorstoßen. Wie in einer Kettenreaktion geraten dadurch andere Balkanvölker in Bewegung, und der Druck auf den Süden verstärkt sich. Dieser Prozess, der unter dem Namen Dorische Wanderung bekannt ist, löste in ganz Griechenland und der Ägäis erhebliche Unruhen aus, und die gesamte frühgriechische Welt geriet in Bewegung. Wahrscheinlich hat sich auch der Trojanische Krieg vor dem Hintergrund dieser Geschehnisse abgespielt. Das Reich von Mykene und die letzten Reste der minoischen Kultur Kretas gehen in diesen Wirren unter.

Aber der Druck nach Süden setzt sich auch über das Meer fort, und über die Auswirkungen werden wir nun plötzlich aus orientalischen Quellen unterrichtet. Um 1200 v.Chr. fallen nämlich Völkerscharen in den Orient ein, die man dort als "Seevölker" bezeichnet, da sie über das Meer kamen. Ägypten kann den Angriff in einer dramatischen Seeschlacht abwehren, andere Völker haben weniger Glück. Das Reich der Hethiter bricht unter diesem Völkersturm vollständig zusammen, und etliche Küstenstädte im kanaanäischen Raum, darunter das berühmte Ugarit, fallen in Schutt und Asche.

Lange ist über die Identität dieser "Seevölker" gerätselt worden. Heute wissen wir, dass sie aus dem ägäischen Raum kamen und dass ihr Erscheinen eine Folge der Dorischen Wanderung gewesen sein muss. Was wir nicht wissen, ist, ob es Indoeuropäer waren oder ob es sich um Teile der vorindoeuropäischen Bevölkerung handelte, die dem Druck der Indoeuropäer auswichen. Die offensichtlich guten seefahrerischen Kenntnisse sprechen eher gegen eine rein indoeuropäische Aktion, denn die sind für die frühen Indoeuropäer gerade nicht vorauszusetzen. Aber ein Gemisch beider Volksteile ist gut denkbar. Ebenso wenig sind wir über ihr weiteres Schicksal informiert. Haben sie sich nach ihrem Einfall wieder zurückgezogen, oder sind sie mit der einheimischen Bevölkerung verschmolzen? Die letztere Möglichkeit ist wahrscheinlicher, denn aus den Abbildungen der ägyptischen Tempel, wo Einzelheiten ihres Einfalls dargestellt sind, wissen wir, dass es sich nicht um einen kriegerischen Beutezug, sondern um eine regelrechte Völkerwanderung mit Kind und Kegel gehandelt haben muss.

Nur über eines dieser Seevölker sind wir etwas besser informiert, da sie archäologisch fassbar sind und auch die Bibel einiges über sie zu berichten weiß: die Philister. Sie siedelten sich in unmittelbarer Nachbarschaft der frühen Israeliten an der Südküste Palästinas an, und der Name Palästina selbst leitet sich natürlich genau so auf sie zurück, wie noch die die heutige Selbstbezeichnung der Palästinenser ("Philisti"). Es spricht einiges dafür, dass sie Indoeuropäer waren. So ist der Zweikampf ausgewählter Krieger, der die Entscheidung in der Schlacht ersetzt, vor allem bei indoeuropäischen Völkern nachweisbar. Und genau ein solcher Zweikampf wird uns in der Geschichte von David und Goliath berichtet. Und das steht in den gesamten Quellen des Alten Orients als sehr vereinzeltes Ausnahmebeispiel da. Dem steht der seltsame Befund gegenüber, dass die Kampfausrüstung Goliaths, sein Helm und sein gepanzertes Hemd, im hebräischen Original mit Fachausdrücken aus der Sprache der geheimnisvollen Hurriter beschrieben wird (1 Sam 17,5). Leider wissen wir bis heute nicht, welche Sprache die Philister gesprochen haben. Deshalb muss diese Frage vorläufig offenbleiben.

Mit den Seevölkern sind wir nun in asiatische Gefilde gelangt und deshalb sollten wir noch kurz das Auftreten der indoeuropäischen Sprachen in diesem Weltteil beleuchten. Durch den frühen Gebrauch der Schrift im Alten Orient fließen hier die Quellen etwas reicher, als im zeitgleichen Europa.

Die bereits erwähnten Hethiter scheinen recht früh in Anatolien eingetroffen zu sein, wahrscheinlich schon gegen 2500 v.Chr. Sprachlich sichtbar werden sie uns zwar erst ab 1800 v.Chr., aber ihre eigenen Überlieferungen deuten auf eine längere Anwesenheit an der Südküste des Schwarzen Meeres hin. Und archäologisch spricht einiges dafür, dass die um 2200 v.Chr. entstehenden Kleinfürstentümer Anatoliens bereits hethitisch geprägt waren. Ob die Hethiter über den Balkan oder über den Kaukasus nach Kleinasien gelangt sind, ist nach wie vor zweifelhaft. Der Weg über den Kaukasus ist aber die wahrscheinlichere Möglichkeit.

Die Indo-Arier müssen ab ca. 1500 v.Chr. in Indien und dem iranischen Hochland aufgetaucht sein. Das kann man mit großer Sicherheit aus dem geographischen und kulturellen Hintergrund schließen, den uns die älteste indo-arische Dichtung der Veden überliefert, obwohl sie erst sehr viel später aufgezeichnet wurde. In relativ kurzer Zeit besiedelten sie den ganzen Norden Indiens und drängten die Völker der dravidischen Sprachen in den Süden ab. Diese sprachliche Verteilung hat sich im Grunde bis heute erhalten. Obwohl das Alt-Iranische, Awestisch genannt, uns ebenfalls erst aus späteren Schriftquellen bekannt ist, ist es dem Altindischen so eng verwandt, dass von einer gleichzeitigen Einwanderung der Indo-Arier in Indien und den Iran ausgegangen werden muss. Auch das Iranische teilte sich in Untergruppen, von denen das Kurdische und Afghanische heute die wichtigsten Varianten sind. Das Armenische gehört zwar geographisch ebenfalls dieser Region an, zählt aber nicht zu den indo-arischen Sprachen, sondern weist seltsamerweise etliche enge Parallelen mit dem Griechischen auf.

Auf ihrem Weg nach Indien und Iran hat sich eine Gruppe der Indo-Arier offenbar von dem Hauptstrom abgetrennt und traf auf die (nicht-indoeuropäischen) Hurriter. Sie schwangen sich aber zur Führungselite der Hurriter auf, begründeten ein Königtum, und unter ihrem Kommando kam es zu dem folgenreichsten Auftritt der Hurriter im Alten Orient. Über die Hurriter war im Vergleich zu den meisten anderen Völkern des Alten Orients lange kaum etwas bekannt. Erst neueste Forschungsergebnisse und Ausgrabungen lassen erkennen, dass ihr kultureller und auch religiöser Einfluss auf alle Nachbarvölker - auch auf die frühen Isrealiten und die Inhalte des Alten Testaments - ungeheuer gewesen sein muss. Die Gründe und Mechanismen dafür sind noch weitgehend unentschlüsselt. Sicher ist aber schon lange, dass die Hurriter auch politisch in der Zeit ca. zwischen 1600 und 1300 v.Chr. neben den Ägyptern und Hethitern das mächtigste Volk der Region gewesen sind.

Auch bei den Kassiten, einem anderen Volk des Nahen Ostens, scheint es einen indoeuropäischen Einfluss gegeben zu haben. Das schließt man aus geringen indo-arischen Sprachresten in ihrer Sprache. Die Kassiten spielten in der Geschichte aber nur eine vergleichsweise winzige Nebenrolle und sollen uns deshalb hier nicht näher beschäftigen.

Wir sehen also, dass die Archäologie und auch die geschichtlichen Quellen einiges dazu beitragen konnten, die Erkenntnisse der Sprachwissenschaftler zu ergänzen. Aber es klafft noch eine große Lücke. Wir wissen immer noch nicht, wie die Ausbreitungswege der Indoeuropäer genau verliefen, bevor sie in ihren spätere belegten Wohnsitzen erschienen. Und vor allem hat uns die Archäologie noch nicht die Frage beantwortet, ob sie das vermutete Ursprungsgebiet gefunden hat. Die Antwort der Archäologen lautet: ja und nein.

In dem vermuteten Ursprungsgebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer fanden die Archäologen nämlich eine große Anzahl von Einzelkulturen, die sich teilweise zeitlich und räumlich überschneiden, und in fast allen von ihnen könnte man mit einer gewissen Berechtigung die Relikte der ursprünglichen Indoeuropäer erkennen. Sie sind alle in den entscheidenden Zeitraum zwischen dem 5. und 4. Jahrtausend v.Chr. zu datieren. Andererseits gibt es in jedem Einzelfall auch ein paar Details, die nicht in das erschlossene Bild hineinpassen.

Würde man nun den Sprachwissenschaftlern vorwerfen, das durch sie erschlossenen Bild der indoeuropäischen Kultur könnte Fehler aufweisen, bekäme man zu Recht die Antwort, dass die Sprachwissenschaft inzwischen solch verfeinerte Methoden entwickelt hat, dass Irrtümer mit größtmöglicher Sicherheit herausgefiltert werden. Zudem kann sie - im Gegensatz zur Archäologie - auf komplett vorliegendes Material zurückgreifen, nämlich auf eben die verschiedenen Sprachen selbst. Doch auch die Archäologen stehen grundsätzlich nicht schlechter da. Ihnen fehlen zwar wichtige Teile des Puzzles, die Licht in diese Frage bringen könnten. Aber sie behaupten nichts, was sie nicht auch belegen können. Die Lage ist also überaus kompliziert, und von einer eindeutigen und endgültigen Antwort ist man noch weit entfernt.

Allerdings haben die Archäologen in den letzten 20 Jahren in dieser Frage gegenüber den Sprachwissenschaftlern erhebliche Punktverluste verbuchen müssen. Es hat sich nämlich anhand zahlreicher Präzedenzfälle herausgestellt, dass archäologische Methoden oft ungeeignet sind, Bevölkerungswechsel überhaupt wahrzunehmen. Als Beispiel dafür sei z.B. die keltische Einwanderung nach Irland genannt. Die Tatsache als solche steht außer Zweifel. Die archäologischen Belege für diese völlige keltische Überlagerung Irlands aber sind so vage, dass man bei der Frage nach dem "wann und wie" völlig im Dunkeln tappt. Das betrifft nicht nur Irland, sondern weitgehend die Keltisierung der gesamten Britischen Inseln. Auch die Völkerwanderungen des frühen Mittelalters, die ganz Europa in ein Chaos stürzten und die uns aus schriftlichen Quellen sehr genau überliefert sind, haben sich in archäologischen Funden kaum niedergeschlagen, jedenfalls nicht so, dass man ohne Kenntnis der Schriftquellen auch nur ein annähernd korrektes Bild darüber gewinnen könnte.

Solche Prozesse müssen eben nicht immer zwangsläufig mit einem völligen Wechsel der materiellen Kultur einhergehen. Das lange von der Archäologie vorgebrachte Argument, eine indoeuropäische Einwanderung sei immer dann abzulehnen, wenn sie nicht in Bodenfunden ablesbar ist, kann jedenfalls nicht mehr aufrechterhalten werden. Demgegenüber aber hat die Archäologie mit völlig neuen Theorien über kulturellen Austausch und vor allem sehr berechtigten Zweifeln an alten Konzepten von Ethnizität schlechthin gekontert.

Die derzeit einzig mögliche Lösung des Problems scheint in der Erkenntnis zu liegen, dass die Indoeuropäer bereits sehr früh über einen größeren Raum in Südrussland zu finden sind, und dass sich möglicherweise hier bereits verschiedene Dialekte und wohl auch Einzelkulturen herausgebildet haben können, die schon früh unabhängig voneinander waren. Und wenn sie sich überhaupt je ihrer gemeinsamen Herkunft bewusst gewesen sind, haben sie dieses Wissen wahrscheinlich schon früh verloren. Die Wunschvorstellung früherer Gelehrter, eine Urheimat der Indoeuropäer zu finden, die sich auf ein kleines und eindeutig begrenztes Gebiet sowie auf ein kleines und scharf umrissenes Volk beschränken lässt, erscheint aus heutiger Sicht etwas naiv.

Genauso differenziert muss ihre Ausbreitung betrachtet werden, für die es inzwischen ebenfalls eine Menge verschiedener und widersprüchlicher Modelle gibt. Auf keinen Fall darf man sich den Vorgang so vorstellen, dass sie wie auf Knopfdruck aus ihrer Urheimat auseinandergespritzt und wie ein Hunnensturm über den Rest der Welt hergefallen wären. Dieser Prozess zog sich über Jahrhunderte hin, und es ist mit zahlreichen Zwischenstationen und verschiedenen Wellen ihrer Ausbreitung zu rechnen. Möglicherweise sind sie so bereits auf ihrem Weg mit anderen Völkern verschmolzen, bevor sie in den Dunstkreis der Geschichte traten. Das ist besonders für ihr frühes Auftreten in Europa zu vermuten. Nach all dem sollte jedem klar sein, dass es in ganz Europa kein unvermischtes oder gar "reinrassiges" Volk gibt, wie immer man diesen Begriff auch verstehen mag.

Der Mann, dessen Gletschermumie man in den Tiroler Alpen fand und der als "Ötzi" bekannt wurde, könnte durchaus in jenen unruhigen Zeiten gelebt haben, in denen man das Eindringen der Indoeuropäer vermutet. Ob er einer von ihnen war, oder ob er der Bevölkerung Alt-Europas angehörte, die sich der Eindringlinge erwehren musste, wissen wir nicht, da wir seine Sprache nicht kennen. Aber auch wenn uns durch einen Glücksfall eine noch besser erhaltene Mumie beschert würde, würde uns das nicht weiter bringen, denn die äußere Erscheinung der ursprünglichen Indoeuropäer entzieht sich unserer Kenntnis. Entsprachen sie in etwa dem Typ des heutigen Südeuropäers oder waren sie blond und blauäugig? Die Grabfunde, die man in Nordeuropa den ersten Indoeuropäern zuordnen zu können meinte, zeigen einen ähnlichen Typus, wie man ihn heute noch in Norddeutschland und Skandinavien vorfindet. Die chinesischen Schriftquellen beschreiben die Tocharer als rotblond und "großnasig" (aber so werden alle Nicht-Chinesen bezeichnet), und auch Homer nimmt an einigen Stellen Bezug auf die blonde Haarfarbe seiner mykenischen Helden und Götter. Es kann sich in diesen Fällen aber um literarische Stilmittel handeln, die wenig über die Realität aussagen. Und seit die Propagandisten des Dritten Reiches den Mythos vom "blonden Arier" schufen, ist man mit Bemerkungen zu dieser Frage extrem vorsichtig geworden. Sie ist auch nicht weiter von Belang. Vergessen wir nie, dass es sich bei den Indoeuropäern um eine Sprachgemeinschaft und nicht etwa um eine "Rasse" handelt. Die Wichtigkeit dieser Unterscheidung hatten wir ja bereits hervorgehoben. Und seit dem Verschwinden des Neandertalers vor ca. 30000 Jahren gibt es definitiv nur noch eine menschliche "Rasse" auf diesem Planeten.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass wir bisher einen wesentlichen kulturellen Bereich der Indoeuropäer unerwähnt gelassen haben: ihre Religion. Das geschah aus gutem Grund, wir werden willkommenen Anlass haben, auf diesen hochinteressanten Aspekt in einem anderen Artikel zurückzukommen (siehe "Die germanische Religion in ihrem indoeuropäischen Zusammenhang", ebenfalls auf dieser Website zu finden). Soviel aber sollten wir jetzt schon wissen: so wie sich die Sprachen und kulturellen Eigenheiten der Indoeuropäer auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen lassen, so verhält es sich auch mit ihren Religionen. Die römische ist mit der griechischen Religion fast identisch. Beide sind uns durch die antike Literatur gut überliefert. Vor allem die indische Religion liegt uns durch die sorgfältige Tradition des Hinduismus in mustergültiger Überlieferung auch ihrer ältesten Schichten vor. Und gerade diese älteste Schicht zeigt solch verblüffende Parallelen zu Details aus der Edda, dass sie als große Hilfe bei offenen Fragen zur germanischen Religion dienen konnte. Zwischen der Niederschrift der indischen Veden und der isländischen Edda liegen nicht nur Tausende von Kilometern, sondern auch fast 2000 Jahre. Und dennoch erzählen uns diese Schriften von denselben Göttern und ihren Taten. Der skandinavische Thor und der indische Indra sind bis hin zu kleinsten Details identisch. Sehr viel weniger wissen wir über die ursprüngliche Religion der Kelten, Slawen und Balten. Aber das wenige, was wir wissen, zeigt dieselbe starke Urverwandschaft. Auch in diesem Bereich hat die Sprachwissenschaft in stiller, jahrzehntelanger Arbeit Entscheidendes geleistet, diesmal nicht nur von der Archäologie, sondern auch von der Völkerkunde und der vergleichenden Religionswissenschaft unterstützt. Es ist also keinesfalls verwegen, Material aus den indischen Veden, den Göttergeschichten des Griechen Hesiod oder der germanischen Edda als parallele und sich ergänzende Quellen zu präsentieren. All diese Quellen sind nämlich in hohem Maße identischer, als es den meisten Menschen bewusst ist.

Wo immer die Indoeuropäer einwanderten, scheinen sie sich als dominierende soziale Schicht durchgesetzt zu haben, was sich teilweise bestimmt ihrer militärischen Überlegenheit verdankte. Ob sie diese Überlegenheit auch immer ausspielen mussten, ist aber keineswegs sicher. Für Indien, Anatolien und Griechenland wissen wir von kurzen, aber heftigen Kämpfen gegen die einheimische Bevölkerung. In anderen Gegenden scheinen sie sich friedlich mit den Alteingesessenen arrangiert zu haben. In manchen Fällen ist überhaupt zweifelhaft, ob eine klassische Einwanderung erfolgt ist, oder ob der Sprachwechsel sich durch schleichende kulturelle Anpassung ergeben hat. Aber auch dort, wo sie nachweislich als kriegerische Eroberer auftraten, gingen sie nicht dazu über, die Urbevölkerung zu versklaven oder gar auszurotten. Im Gegenteil: nach einer Zeit der Kämpfe sind die Indoeuropäer regelmäßig mit den Kulturen, auf die sie trafen zu einem neuen Volk verschmolzen, und in diesem Prozess müssen beide Kulturen sowohl Gebende wie Nehmende gewesen sein. Ihre Sprache aber hat sich in allen Fällen gegenüber denen ihrer Vorgänger durchgesetzt.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist dieser Siegeszug der Indoeuropäer eine Katastrophe. Denn dadurch fehlt uns jede Kenntnis über die Sprachlandschaft Alt-Europas vor dem Auftauchen der Neuankömmlinge. Man vermutet, dass es ursprünglich zwischen zwanzig und vierzig verschiedene Sprachen in Europa gegeben hat. Von ganz wenigen haben wir ein paar rätselhafte Inschriften, die aber nicht ausreichen, um auch nur ein oberflächliches Bild von ihnen zu gewinnen, geschweige denn sie zu entziffern. Wir wissen von dem Iberischen und Tartessischen, auf dessen Reste man in Südspanien stieß, vom Etruskischen in der heutigen Toskana, vom Ligurischen an der heutigen Cote d'Azur und vom Minoischen auf Kreta. Einige dieser Sprachen müssen noch bis in die Zeit um Christi Geburt in Gebrauch gewesen sein. Von all den vermuteten vorindoeuropäischen Sprachen Europas hat einzig das Baskische in Nordspanien überlebt, das mit keiner anderen Sprache der Welt Verwandtschaft zeigt. Die anderen nicht-indoeuropäischen Sprachen Europas (finnisch/estisch, ungarisch und maltesisch) gehen auf spätere Einwanderungen zurück.

Aber die Sprachwissenschaft hat es mit ihren detektivischen Methoden wiederum geschafft, auch aus dieser hoffnungslos erscheinenden Situation noch einige Erkenntnisse zu gewinnen. Wir hatten in anderem Zusammenhang bereits die sprachlichen Entlehnungen erwähnt, die zwischen Nachbarvölkern stattfinden. Im vorliegenden Fall, wo zwei verschiedensprachliche Völker zu einem neuen verschmelzen, muss dieser Prozess sich natürlich noch viel drastischer auswirken. Die alte Sprache stirbt nicht einfach, sondern sie geht in der neuen auf und beeinflusst sie in vielfältiger Weise, nicht nur durch einzelne Wörter, sondern auch durch strukturelle und grammatische Eigenheiten. Der Sprachwissenschaftler nennt solch eine alte Schicht in einer Sprache "Substrat". Und solche Substrate sind in allen indoeuropäischen Sprachen vorhanden. Genau sie sind auch der Grund dafür, dass die indoeuropäischen Sprachen sich veränderten und so auseinanderentwickelten, dass sich heute ein Schwede nicht mehr problemlos mit einem Griechen verständigen kann. Durch solche Sprachreste - gerade bei den unglaublich zählebigen Berg- und Gewässernamen - wissen wir auch, dass das Baskische ursprünglich eine sehr viel größere Verbreitung gehabt haben und bis zu den Alpen gereicht haben muss. Wenn uns auch diese Substrate die Kenntnis der untergegangenen Sprachen selbst nicht zurückbringen können, so haben sie in einem speziellen Fall doch zu einem greifbaren Resultat geführt: bei den keltischen und in geringerem Ausmaß auch bei den germanischen Sprachen hat man starke strukturelle Parallelen zu den hamitischen Sprachen Nordafrikas festgestellt. Da die Kelten - wie auch die Germanen - in den früheren Wohnsitzen der "Megalithiker" siedelten, lässt sich daraus die Vermutung ableiten, dass die vorausgehende Bevölkerung jener Gebiete sprachliche Verwandte der Berber gewesen sein könnten.

Das könnte sich mit dem archäologischen Befund decken, dem zufolge sich die Mode der Megalithgräber vom südlichen Mittelmeer aus über die spanische und französische Atlantikküste bis nach Nordeuropa ausgebreitet hat (ohne dass damit aber - wie schon gesagt - zwangsläufig die Wanderung eines bestimmten Volkes in großem Stil verbunden gewesen sein muss). Aber zu einer Rekonstruktion der Sprache verhilft dieses Wissen natürlich nicht. Wenn keine umfangreichen Schriftquellen existieren, ist eine erloschene Sprache unwiderbringlich verloren. Für die kulturelle Vielfalt der Menschheit ist das ein ebenso tragischer Verlust, wie das Aussterben einer Tier- oder Pflanzenart für die Natur.

Wenn nach all dem der Eindruck entsteht, die Ausbreitung der Indoeuropäer sei eine einzige Erfolgsgeschichte gewesen, ist das nur bedingt richtig. Im Alten Orient sind das Hethitische, das Phrygische und Luwische schon im Altertum ausgestorben. Als die Vorfahren der heutigen Türken im 6. Jahrhundert n.Chr. von ihrer ehemaligen Heimat in den chinesischen Grenzgebieten nach Westen wanderten, fiel ihnen mit Sicherheit das Tocharische und wahrscheinlich noch eine Reihe anderer indoeuropäischer Sprachen Asiens zum Opfer, die wir nie kennengelernt haben. Als sie im 12. Jahrhundert n.Chr. Anatolien erreichten, verdrängten sie das dort inzwischen heimisch gewordene Griechisch völlig. Kurz zuvor waren die Ungarn aus den Tiefen Russlands in ihren heutigen Wohnsitzen aufgetaucht, wo sie sich auch sprachlich durchsetzten. Wir wissen vom Gotischen, Thrakischen, Illyrischen, Oskischen, Umbrischen, Venetischen und weiteren indoeuropäischen Sprachen, die untergingen, deren Grundstruktur wir aber immerhin noch kennen. Ob sich das stark bedrängte Keltische wird halten können, das in Teilen der Britischen Inseln und der Bretagne überlebt hat, und vor allem in Irland staatlich sehr gefördert wird, kann nur die Zukunft zeigen. Die Chancen stehen nicht gut. Wir müssen darüber hinaus von einer Anzahl weiterer indoeuropäischer Sprachen ausgehen, die so früh und spurlos ausstarben, dass wir nicht einmal von ihrer Existenz wissen. Man sieht also, dass die Indoeuropäer nicht immer die Gewinner waren.

Seit ihrer Teilung in Einzelvölker und dem Zerfall ihrer Sprachen haben die Indoeuropäer ein so wechselhaftes Schicksal hinter sich, wie kaum eine andere Sprachgruppe. Sie haben Triumphe und Niederlagen erlebt, einige ihrer Völker gingen spurlos unter, andere bauten Weltreiche auf, die wieder zerfielen oder vom Reich eines anderen indoeuropäischen Volkes abgelöst wurden. Aber sie wanderten weiter, nicht nur durch die Kontinente, sondern auch durch die Zeit. Und keine andere Sprachfamilie hat ähnlich markante Spuren in der Geschichte der letzten Jahrtausende hinterlassen.

In Schulbüchern für das Fach Geschichte kommen die Indoeuropäer als solche nicht vor. Natürlich werden etliche ihrer Einzelvölker (wie Griechen, Römer, usw.) ausführlich behandelt.

Nach oben